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Beth Ditto

Lust auf was Süßes? Oh ja!

16.06.2017

Zugegeben: die Versuchung, Beth Ditto anlässlich ihres Solo-Debütalbums nach der Auflösung ihrer Band Gossip mit ausufernd blumigen Worten anzukündigen, ist groß. Doch wozu das ganze Tamtam, wenn die in Arkansas geborene Sängerin es selbst mit ein paar markanten Zeilen doch so viel besser auf den Punkt bringt: "Two sisters, four brothers/Hard worker, like my mother/Not bitter, so sweet/Strawberry ca-ca-canned peach!", singt sie im Song "Oo La La" und schlägt damit mal eben die thematischen Grundpfeiler von "Fake Sugar" ein: Familienzusammenhalt, der Mut des Punk, toughe Südstaaten-Attitude und die vom-Tellerwäscher-zum-Plattenmillionär-Story unserer Gastgeberin. Sie hat die persönlichen Kämpfe ihres Lebens in Musik verwandelt, die zugleich süß und vertraut klingt.

Produziert wurde der generalüberholte Mashup aus treibendem Blues, Eisdielen-Pop, schwärmerischem Rock und Country-eskem Soul von Jennifer Decilveo (Andra Day, Ryn Weaver). Die zwölf Songs des Albums widmen sich den Themen Liebe, Verlust, Rückblick und Vorausschau, vorgetragen mit all jener Sexiness, Intensität, Kraft und Schönheit, wie es nur eine große Künstlerin wie Beth Ditto vermag.

Große Veränderungen & neue Betätigungsfelder

Die Behauptung, "Fake Sugar" sei das Ergebnis einer Zeit großer Veränderungen, ist eine ziemliche Untertreibung. "Es war so etwas wie meine Scheidung", sinniert Ditto. "die Trennung von den 'Lieben meines Lebens'. Gossip war die längste Beziehung, die ich je hatte." Parallel dazu heiratete sie, ganz buchstäblich, ihre beste Freundin (die bereits seit ihrem achtzehnten Lebensjahr ihre beste Freundin ist). Und während sie sich mit ihrer neuen Ehepartnerin in ihrem neuen Zuhause in Portland niederließ – das Zusammenleben mit den beiden Katzen Tofu und Butters wurde nebst Dittos Häkel-Hobby ausführlich auf Instagram dokumentiert – suchte sich die Sängerin neue Betätigungsfelder fernab des Singens. Neben Aufnahmen mit Blondie, Disco-Legende Cerrone und Drumstep-DJ Netsky und (sozusagen nebenberuflichen) Auftritten bei Hochzeiten mit Cat Power, tat sich Beth Ditto ausgiebig in der Modebranche um. Sie rief in Zusammenarbeit mit Jean Paul Gaultier ihre eigene Plus-Size-Modelinie ins Leben, war Teil einer Porträt-Serie des US-amerikanischen Modeschöpfers Alexander Wang, modelte auf dem Laufsteg und in Printanzeigen für Marc Jacobs und wirkte in Tom Fords Oscar-nominiertem Film "Nocturnal Animals" mit. "Ich denke nie daran, ob Dinge 'gut für meine Karriere' sind", erklärt sie. "Das Einzige, was für mich zählt, ist, ob es mir wahnsinnig viel Spaß machen wird."

Musik von Herzen mit viel Leidenschaft

All diese Aktivitäten ebneten den Weg zu jener gnadenlosen Stimmgewalt und umwerfenden Präsenz, die dieses Album wie ein Paukenschlag eröffnen. In "Fire" singt die 36-Jährige zunächst: "Get up-up-up if you want my love", bevor sie den Songtitel heraus bellt, begleitet von einer alles zermalmenden Ladung aus Gitarren, Drums und Keyboards, versetzt mit Psych-Pop-Elementen und Dub-Effekten, die einen an das geschickte Produzentenhandwerk eines Danger Mouse erinnern. Es war wohl genau dieser Mangel an Leidenschaft, die nun in jeder Sekunde auf "Fake Sugar" spürbar ist, die den Versuch, ein sechstes Gossip-Albums in Angriff zu nehmen, scheitern ließ. Nach siebzehn Jahren, in denen die Band stetig tanzbarer werdenden Garage-Punk veröffentlichte, "war keiner mehr mit dem Herzen dabei", wie Ditto es heute formuliert. Band-Mitbegründer Nathan Howdeshell zog zurück nach Arkansas, sie selbst fand sich in Los Angeles wieder, wo sie sich mit Songwritern traf, um die nächsten Schritte der Band zu besprechen. Beth Ditto war wohl oder übel zum alleinigen Fokus der Gruppe geworden. "Ich hatte das Gefühl, Schuld daran zu sein, wenn wir Misserfolg haben, und verantwortlich dafür zu sein, wenn wir erfolgreich sind", erläutert sie die Zwickmühle, in die sie geraten war. Die Zeit war reif. "Die Entscheidung war für mich im Grunde schon gefallen", erinnert sie sich.

 

Speed Dating für die Kollaboration

Es folgte eine Phase, die sie heute als "Speed Dating" bezeichnet. Sie hielt Meetings mit Produzenten und Songwritern ab, um zu sehen, ob und bei wem etwas hängen blieb. Einige hinterließen einen bleibenden Eindruck, wie z.B. Jacknife Lee. Decilveo hingegen wurde zu Dittos Haupt-Partnerin. Die Aufgabe der Grammy-nominierten Produzentin war es, Dittos Punk-Neigung mit Pop-Elementen in Einklang zu bringen. Oder in Beths Worten: "Sie war die Rollerblades zu meinen Roller Skates. Wir diskutierten den ganzen Tag und ich fand es großartig."

Letzten Endes hatte sie über achtzig Songs zusammen - eine beeindruckende Zahl, die sowohl die stilistische Bandbreite des Albums als auch den Mangel an Füllsongs erklärt. Der Song "In And Out" ist ein Hipshaker mit Fifties-Girlgroup-Vibe, "Savoir Faire" vereint einen Disco-Kracher mit Dittos schmetternden Rock-Vocals und "Go Baby Go" ist eine Hommage an Suicide-Sänger Alan Vega, die in schwarzes Leder gehüllt die interstellare Sound-Autobahn runterbrettert. Und auf "Oh My God" demonstriert die Sängerin eindrucksvoll den Unterschied zwischen Tina Turner und Bobbie Gentry. 

Neugierig geworden? Dann nicht lange warten, sondern gleich ins neue Album "Fake Sugar" reinhören! 

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