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Biographie

Während sich die Welt noch allmählich vom Rausch der Willkommensfeierlichkeiten des neuen Jahres erholte, machten sich die Ting Tings bereits für ihre bevorstehenden Aufgaben startklar. Alles zurück auf null: sowohl in emotionaler als auch - für einen Moment - geographischer Hinsicht. Eineinhalb Jahre nach der Fertigstellung eines Albums, der anschließenden "Entsorgung" eines Albums, der Produktion eines weiteren Albums, das sie vorbehaltlos in ihr Herz schlossen, mussten sie ihr Lager in Islington Mill in Salford abbrechen. Von hier aus hatte das Duo einst seinen ersten, sensationell erfolgreichen Überraschungsangriff auf das internationale Pop-Establishment gestartet.

Der ehemalige Nachtclub in Islington Mill besteht gerade mal aus einem schmutzigen Keller, in dem die Erinnerung an unzählige durchgefeierte Nächte immer noch in der Luft liegt. Eine komplett ausgestattete Bar plus Plattenspieler sorgen für eine undefinierbare Aura kultischer Authentizität. So wie sie auch den Ting Tings eigen ist. Rein kommerziell gesehen hätte das alles aber eigentlich überhaupt nicht hinhauen dürfen. Dies ist der Ort, wo die Magie ihren Anfang nahm. "Es ist toll, wieder da zu sein", sagt Instrumental-Tausendsassa Jules DeMartino, die Haare für Album Nummer zwei frisch blondiert. "Aber damit es überhaupt gut werden konnte, mussten wir erst von hier fort gehen", ergänzt die für alle Zeiten blondierte Sängerin Katie White.

Mitte 2010 hängten die Ting Tings die Effektpedale vorübergehend an den Nagel. Zwei Jahre lang hatten sie in der Folge der Veröffentlichung ihres weltweit über alle Maßen erfolgreichen Debütalbums "We Started Nothing" die halbe Welt bespielt. Mit fast schon beängstigender Leichtigkeit schüttelten die beiden in dieser Zeit Hits aus den Ärmeln und wurden (eher widerwillig) zu Top-Stars. "Great DJ" und "That's Not My Name" waren nicht nur in ihrer Heimat Großbritannien absolute Killerhits im Radio. "Shut Up And Let Me Go" war rührenderweise das letzte Steve Jobs-Signing - der perfekte Song, um die Apple-Philosophie und -Ästhetik musikalisch in Einklang zu bringen. Die Folge: Amerika stand der Band offen. Und bereits ein Jahr, nachdem ihr erstes Album erschienen war, spazierten sie den roten Teppich bei den Grammy Awards herunter, geadelt mit einer Nominierung als "Bester Newcomer".

Was aus den Ting Tings wurde, war zu keinem Zeitpunkt voraus zu sehen. "Diese Plattenfirmen-Maschine ist so weit entfernt von dem, was wir tun. Dies hier ist der Ort, wo wir herkommen", erklärt Katie und nimmt erst einmal einen Schluck Cider. "Es ist für uns eine ziemlich bizarre Situation, nicht von Kreativen umgeben zu sein, sondern vom Label gesagt zu bekommen: ?Okay, wir haben zwei Inhouse-Grafiker und wir nehmen die gleichen Fotografen und Videoregisseure, die wir bei allen unseren Bands nehmen'. Das passt einfach nicht zu uns. Wir haben unsere eigene kleine Welt. Sobald das verwässert wird und wir wie jeder andere Popact behandelt werden, ist diese Welt dem Untergang geweiht."

Wie weit sich die sich die beiden von ihrem Rumpelkeller in Salford (für den man nur mit erheblichen Schwierigkeiten eine Schanklizenz bekäme) entfernt hatten, könnte man nicht symbolhafter inszeniert werden, als durch den (für die beiden Musiker höchst gewöhnungsbedürftigen) "Red Carpet"-Moment bei einer der schillerndsten Preisverleihungen überhaupt. Es galt also für das zweite Album, sich von alldem wieder zu lösen und zurück zu besinnen auf jene Dinge, die sie ursprünglich inspiriert hatten.

Die Grammys waren für die Ting Tings so etwas wie der Startschuss zum zweiten Album. Es war an der Zeit, alle Illusionen zu vertreiben und den Blick auf die Realität zu richten. Sie zogen nach Ostberlin und nisteten sich in einer Location ein, die auf sie den gleichen rebellischen Einfluss ausübte wie Islington Mill auf "We Started Nothing". "Es gibt ganz offensichtliche Parallelen zu Manchester", sagt Jules, "es gibt hier wie dort eine Kunst- und eine Musikszene". "Es gibt dort keine Schlipsträger", ergänzt Katie, "und wenn du welche siehst, dann sind es solche, die es hassen, Schlipsträger zu sein."

Sie richteten sich mitsamt ihres nomadenhaften Equipments in einem ehemaligen Jazzclub in der Frankfurter Allee ein, wo sie allerdings schnell auf große musikalische Probleme stießen. "Es war grauenvoll", erinnert sich Katie. "Wir nahmen ein komplettes Album in Berlin auf und verwarfen es anschließend wieder", sagt Jules. "Wir waren schon beim sechsten Stück, als uns klar wurde, dass wir auf dem Holzweg waren. Doch das Label hatte einen Calvin Harris-Remix von ?Hands' gehört und war der Meinung, es sei ein Smash-Hit". Der Song ging Ende 2010 ans britische Radio, zu einem Zeitpunkt, als Jules und Katie immer noch zu erschöpft und kraftlos waren, um sich gegen all jene zu wehren, die ihnen Tipps geben wollten, was, wie und wann die Ting Tings denn am besten zu tun hätten. Die "Vierte Wand" ihres strengen Band-Regelwerks war durchbrochen worden. Denn eigentlich machen sie alles nur genau nach ihren Vorstellungen - oder gar nicht.

Zu Beginn des Jahres 2011 erlebten die Ting Tings einen "alles in die Tonne"-Moment mit ihrem Labelboss Rob Stringer in New York. In einem spontanen Akt von A&R-Magie, wie man ihn in der heutigen Musikindustrie kaum mehr vermuten würde, erklärte er ihnen nach Abhören eines Demos, dass sie sich keine Sorgen über Hits machen sollten. Er ordnete an, sie mögen doch bitte ganz schnell ihre kommerziellen Instinkte abstellen. "Diese Aussage klingt ja aus heutiger Sicht schon sehr eigentümlich", sagt Katie, "aber stell dir mal vor, wie verrückt das erst damals klang? Aber irgendwie machte dann doch alles Sinn. Er will ein Label, bei dem Bands unterschreiben wollen. Er hat das Konzept, eine Heimat für Künstler zu schaffen, wirklich verinnerlicht."

Im April übersiedelten sie aus der allmählich tauenden Berliner Eiswüste in das staubtrockene Murcia im Süden Spaniens. Album Nummer zwei, das möglicherweise korrekterweise den Arbeitstitel "Album Nummer drei" hätte tragen sollen, nahm im Nu an Fahrt auf - ab jetzt ging es im vierten Gang weiter. Den Benchmark-Hit des Albums mit dem Titel "Hit Me Down Sunny" schrieben sie innerhalb eines Tages. "Der Melodie- und der Rhythmus-Teil, das Arrangement, alles fügte sich wie von alleine zusammen", erklärt Jules. "Zuvor war alles eine große Qual gewesen. Doch plötzlich war das nicht mehr der Fall. Jedes Mal, wenn Katie in den Aufnahmeraum ging, traf sie die Sache auf den Punkt. Die Texte waren klasse. Die ganze Last, die wir auf unseren Schultern gespürt hatten, war wie weggeblasen. Es machte wieder Spaß. Unsere ureigene Energie war wieder die Treibfeder für alles."

Im Verlauf dieses Prozesses hatten die beiden gelernt, sich die Freiheit zu nehmen, sich in allen Genres zu bewegen. Eine Lektion, die sich auch in der Namensgebung des Albums niederschlägt: "Sounds From Nowheresville". Die Vorab-Single "Hang It Up" eröffnet das neue Spektrum: los geht es mit einem Zwei-Akkord-Gitarren-Riff, der ein wenig an Le Tigre erinnert, aber auch ein wenig an die Beastie Boys. Die nunmehr befreit aufspielenden Ting Tings haben nichts von ihrem kommerziellen Glanz eingebüßt, doch legen sie ihren Fokus bei "Hang It Up" auf die ungefilterte Essenz des intuitiven Grooves.

Die aus der Kunst entliehene Metapher "hanging a painting and hanging up your fear", die im Zentrum von "Hang It Up" steht, wird dann im Song "Guggenheim" auf den Kopf gestellt. Das Stück, dessen Refrain mit dem Vorschlag aufwartet, das eigene Make-Up im Stile des weltberühmten Museums zu gestalten, entstand auf dem Rücksitz eines Autos auf dem Weg zu einer Party. "Der Text sprudelte nur so aus Katie heraus", erinnert sich Jules. "Während der Aufnahmen waren wir völlig furchtlos. Was ist das? Sixties Pop? Spoken Word? Die Shangri-Las? Und dazu dieser Punk-Refrain? Wer macht sowas heutzutage schon?"

Die Frage ist freilich rein rhetorisch. Musikalisch haben sich die Ting Tings auf "Sounds From Nowheresville" komplett freien Lauf gelassen. Auf "Silence" finden sich Synthesizer-Riffs, die ihren Ursprung im OMD'schen Kammerpop weder leugnen können noch wollen. Während dessen liefert sich ein Rezillos-hafter Buzz einen Battle mit altbewährten Ting Tings-Einflüssen wie Tom Tom Club - und das alles innerhalb der magischen "perfect pop song"-Marke von drei Minuten. Einer von Katies Top-Favoriten auf dem Album, "Day To Day", klingt wie ein Song aus der Hochzeit der R&B-Girlband TLC, geschrieben von einem Mädchen aus dem nordenglischen Wigan. "Ich habe sie geliebt. Warum sollte man nicht etwas in diesem Stil machen?", fragt Katie. Und die Antwort ist klar: eben. Warum nicht? Wenn es so gut funktioniert wie hier.

Wir stellen fest: zum Jahresstart 2012 präsentieren sich die Ting Tings mit der runderneuerten Energie und Frische einer vollkommen neuen Band. Eine Universitäts-Tour haben sie bereits mit Vollgas absolviert und experimentieren wieder wild mit Artwork-Gestaltung, Remixen und anderen Detailfragen. "Das ist wieder unsere Welt", strahlt Katie stolz.

Eine letzte Frage: wo wären die Ting Tings, wenn das "Berlin-Album" fertiggestellt und veröffentlicht worden wäre? "Wahrscheinlich würden wir jetzt bei einer Party sitzen, Champagner trinken und uns ziemlich merkwürdig fühlen. Wie ein Fake."

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