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Biographie

Es war mein erster Abend als Londoner. September 1975 im "Bricklayers Arms", einem Pub in Hayes, Middlesex. "Fox On The Run" steckte immer noch in der Jukebox, also drückte ich's. "Diese Sweet da", meinte ein Typ an der Bar zu mir, "die kamen hier oft in voller Montur rein. Meine Jungs hatten immer einen Spruch drauf, weil die so irre aussahen. Aber meine Frau hat mich mal zu 'nem Gig von denen mitgenommen, und spielen können die, absolut phantastisch. Und der Harmoniegesang, Spitze!" Kneipengequatsche, klar, aber er brachte es auf den Punkt, oder? Als "Fox On The Run" aufgenommen wurde, hatte die Band endlich ihr Rock-Image und konnte Slade Angst machen. Außerdem hatten sie natürlich begonnen, ihre eigenen A-Seiten zu schreiben. Der Weg dahin war steinig gewesen! Doch auch vor der Rocker-Glaubwürdigkeit hatte ihre Musik immer Spaß gemacht. Man dachte einfach nicht im Traum dran, das Radio abzustellen, wenn Sweet liefen, denn Action gab´s garantiert: "Wig Wam Bam", "Blockbuster", und ihr unwiderstehliches "Ballroom Blitz"

Sweet - also die Originale natürlich - packten so viel Entertainment in ihre drei Minuten Sendezeit wie die Progressiv-Fraktion auf ein Album. Ziemlich oft ´ne Menge mehr übrigens! Es begann alles im Jahr des ´White Album´: Sänger Brian Connolly (*5.10.1945) und Schlagzeuger Mick Tucker (*17.7.1947) gründeten 1968 Wainwright´s Gentlemen. Damals konnte man sich noch - so gerade - als lebende Jukebox über Wasser halten, indem man gewiefte Cover-Versionen von Soul, Blues und dem einen oder anderen Hippie-Titel spielte. Aber Brian´s und Mick´s Ambitionen gingen weiter, und zusammen mit Steve Priest (*23.2.1948) wurden sie The Sweet.

Ihre Plattenkarriere begannen sie mit ein paar Singles für Philips/Fontana und EMI/Parlophone, jedoch mit wenig Erfolg. Mehrere Gitarristen gaben sich das Plektrum in die Hand, ehe sich die Band 1970 für Andy Scott entschied (*30.6.1949). Als Sweet bei RCA und Produzent Phil Wainman unter Vertrag ging, gaben einige attraktive Demos den Ausschlag, die sie von Nicky Chinn und Mike Chapman gehört hatten, einem Songschreiber-Tandem, von dem die Welt noch viel mehr hören sollte. Die Songs, denen sie lauschten, trugen alle den himmlischen Hitstempel im Refrain. Und wie Nicky sich erinnert: "Die wollten einen Hit!" Sie bekamen einen Hit. "Funny Funny", eine respektable Position 13 im Vereinigten Königreich und Top 5 in Deutschland. Was Sweet aber nicht wollten, war das Monkees-Syndrom. Denn genau so fühlten sie sich, als Mietmucker im Studio auftauchten, um auf den Platten zu spielen. Wainman, Chinn & Chapman hatten nichts Böses im Schilde geführt, aber sie mussten ja nun mal vorher mit der Kohle ´rüberkommen! Nicky heute: "Es herrschte das Gefühl, dass Session Musiker alles schneller und billiger machen. Außerdem wussten wir einfach nicht, wie gut Sweet waren. Wir haben sie unterbewertet!"
Die Unterbewerteten fühlten sich wie Amateure. Aber das waren sie nicht. Sie hatten ihre Sporen verdient, als gewachsene, hart arbeitende Band. Mit viel Live-Erfahrung und jeder Menge eigenem Material, das übrigens - Hut ab vor der Band - von Anfang an auf den B-Seiten auftauchte: "You´re Not Wrong For Loving Me", "Done Me Wrong All Right". Solide Songs, die repräsentativ für ihre Bühnenshow waren!
Mochte die Presse jedoch noch so sarkastisch sein, die Fans kümmerten sich zum Glück nicht um die "Sessiongate"-Anschuldigungen! Im Übrigen, Sweet spielten schon bald selbst auf ihren Platten!

"Funny Funny" hätte DIE Sommerhymne von 1971 werden können, aber bereits im Juli wurde dieser Hit durch Sweets eigenen Nachfolge-Hit "Co Co" (UK 2, D 1!) entthront! Dessen Steel Drum Solo sollte den Lieblingen der Musikpresse, 10CC, später ähnliche Ideen liefern. Und nun hatten Sweet wahrhaftig den fünften Gang eingelegt: "Poppa Joe" (UK & D 11), "Little Willy" (UK 4, D 1), "Wig Wam Bam" (UK 4, D 1), alle schossen die internationalen Charts hinauf und wurden bei "Top Of The Pops" präsentiert, oder in Deutschland bei "Hot & Sweet" - als ob sie die Show extra für "diese Sweet" erfunden hätten! "Little Willy" brachte das Publikum so deutlich zum Schmunzeln, dass Priest gleich ganz die Zunge herausstreckte. Prompt flog die Band aus der Mecca Ballsaal-Kette heraus, ebenso gab es in Belgien Ärger, weil die Jungs auf der Bühne mit Minderjährigen etwas Teenage-Rampage andeuteten - und das, bevor die gleichnamige Single überhaupt erschienen war!

Wenn heutige Teenager sich die alten Kostüme jener Zeit anschauen, beneiden sie ihre Eltern! Die grünen Schlaghosen, die engen Jackets, das glitzernde Make-up, Gary, Mud, Slade - alle versuchten, sich gegenseitig zu übertreffen. Sweet übertraf die ganze Meute. Höhere Absätze, noch mehr Gloss im Lippenstift, irrere Kostüme. Aber es gab einen Unterschied. Bowie traf sich mit Lennon, Slade galten als die Hardrocker, die Typen von der Schicht, also warum bekamen Sweet nicht die Schlagzeilen, aus denen Legenden gemacht werden? Bedeutete die Farbe des Lippenstiftes wirklich etwas? Jedenfalls war doch wohl ihr Heimatort Hayes, Middlesex genauso hart drauf wie Slade´s City Wolverhampton?! Schließlich hatten Sweet´s Jagdgründe bei West London auch Deep Purple hervorgebracht. Das war doch mal ein Vorbild, auf das sich die Band gerne einigte.
Konnte man noch etwas Härteres schreiben um Anerkennung zu erzielen? Klar konnte man: "Blockbuster" rockte auf Platz 1, sowohl auf der britischen als auch auf der deutschen Welle, und endlich lockten die Mädchen auch ihre Kerle zu den Auftritten. "Hell Raiser" (UK 2, D 1) platzierte Sweet an der Spitze, und mit "Ballroom Blitz" (UK 2, D 1) blitzte Mick Tucker´s Shuffle-Beat in den Charts, noch bevor Golden Earring "Radar Love" sagen konnten! Die Hits kamen in Serie, "Teenage Rampage" war erneut No. 2 in UK und wieder mal ein deutscher Top-Treffer, "Turn It Down" In UK zwar ein seltener Durchhänger bei nur No. 42, aber Richtung Deutschland eine sichere 4 - genau wie "The Six Teens", das dann auch zu Hause wieder No. 9 erreichte.
Als "Ballroom Blitz" dann den US-Markt knackte, wuchs das Sweetsche Selbstbewusstsein. Sie nahmen sich Zeit, ihr Album "Sweet Fanny Adams" aufzunehmen, und zwar mit vielen eigenen Songs an Bord. Als die LP es dennoch schaffte, aufgrund musikalischer Stärken bis zur Position 27 zu klettern, bedeutete ihnen das mehr als ein weiterer Top 5 Hit. Sweet´s eigene Songs kamen sowohl auf der Langspielplatte als auch auf der Bühne gut an, also warum sollten sie nicht auf die gleiche Art die Hitlisten dieser Welt stürmen? Zusammen entwickelten sie noch mehr Nummern für den LP-Nachfolger, "Desolation Boulevard". Unter diesen war "Fox On The Run". Das Ding klang so verdammt passend, dass sie beschlossen, es als A-Seite herauszubringen. Nummer 2 in England, wieder einmal Nummer 1 in Deutschland. Sie hatten es geschafft. Und hatten sie diesen Triumph nicht verdient?

Doch es sollte fast drei Jahre dauern, bis sie die englische Top 10 wieder zierten. Und es sollte eine Weile vergehen, bevor Chinn & Chapman wieder mit ihnen redeten. Was war passiert? Nicky Chinn kann das erklären: "Da gab es definitiv einen Mangel an Kommunikation. Ein amerikanischer Manager hatte zu jener Zeit mit ihnen zu tun. Sie produzierten "Fox On The Run", und keiner sagte uns was. Wir befanden uns damals in Kalifornien, und der Manager sagte der Band, er würde uns informieren, doch das tat er nicht. Das kam schlecht rüber! Wenn das anständig gelaufen wäre - Sweet trifft keine Schuld! - hätte man einen Kompromiss finden können!"
Dennoch, die Band schien auf sich gestellt gut zu laufen, und die Chinnichaps hatten inzwischen Pferde im Stall, die ähnliche Chart-Abos einritten: Suzi Quatro, Mud, Smokie!

Sweet nahmen eine weitere Single aus dem Boulevard-Album, "Action", eine sensationelle deutsche Nummer 2, und Top Twenty beim Heimspiel. Amerika wurde derweil auf die harte Tour bespielt, und die langen Trips machten sich bezahlt, indem "Blitz" und "Fox" zusätzlich zu "Desolation Boulevard" in die Charts kamen.
Eine weitere LP wurde aufgenommen, diesmal im Land ihrer größten Triumphe, Deutschland. München war gut genug für Deep Purple und die Rolling Stones gewesen, und auf diese Weise würden Sweet von jenen, die Glitter und Gloss tragen zu jenen mit Leder und Nieten wechseln können. Ihr "Give Us A Wink"-Album und die Single "Lies In Your Eyes" (D 5) folgten. Ihr letzter Megahammer "Love Is Like Oxygen" (UK9, D 10, US 8) Anfang 1978 war von Andy Scott mitgeschrieben. Nun gab es eine neue Art von Kompliment: Viele Radiohörer hätten das ambitionierte Werk niemals für eine neue Sweet-Single gehalten.
Damit konnten Sweet leben! Sie konnten jedoch kaum noch miteinander leben, und im Jahre 1979 verließ Brian Connolly die Band! Es war wie die Stones ohne Jagger, zwar lieferte auch das Album "Cut Above The Rest" mit "Call Me" noch einen Hit, aber nach einem weiteren, prophetisch getauften Album, "Identity Crisis", gab das verbleibende Trio 1981 auf.
Es hat seitdem mehrere Sweet Inkarnationen gegeben, sowohl solide von Steve Priest geführt, einer ähnlichen, eher kränkelnden Formation mit Brian Connolly, als auch ich einer sehr überzeugenden Version von Andy Scott. Aber es gab nur ein Original Glam-Quartett, das übrigens wieder Freundschaft schloss, kurz bevor Brian tragischer Weise im Februar 1997 starb, gefolgt von Mick Tucker, der 2002 seinen Kampf gegen die Leukämie verlor. Letztlich hat sich Andy Scott mit einer glaubwürdigen neuen Besetzung als Sweet Mastermind entpuppt und die abgestürzte Sweet Legende wieder Phönix gleich aus der Asche erheben können. 2015 gibt es auf dem "Action! The Ultimate Sweet Story" das neueste Lebenszeichen der inzwischen wiedererstarkten Band. Zwei echte "Vorzeige" Song beweisen wie gut die Band wieder aufeinander eingespielt ist und dass Sweet immer noch zu den Top Rock Acts der Zeit zählen. Was man im Übrigen den Besuchern ihrer Großteils ausverkauften Tournee gar nicht mehr erklären muss.

(Uli Twelker)

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