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Biographie

Sviatoslav Richter

Ausnahmefall in der Geschichte des Klavierspiels: Ein Pianist bricht erst als Dreißigjähriger zur Weltkarriere auf. Sviatoslav Richter, geboren am 20.März 1915 in der Ukraine bei Shitomir, Sohn eines aus Deutschland zugwanderten Musikers und einer russischen Mutter, war Geiger und Korrepetitor gewesen, ehe er sich bei dem Moskauer Klavier-Orakel Heinrich Neuhaus vervollkommnete. Kurz nach Kriegsende debütierte er in Rußland, und Prokofjew widmete ihm seine 9.Sonate. Im Westen wurde er zu einer Legende, noch ehe er in den fünfziger Jahren nach Zentraleuropa und den USA gelangt war: Seine Schallplatten hatten Furore gemacht, die frühen Aufzeichnungen des Klavierkonzerts und der Sonate von Tschaikowsky, die donnernde Interpretation von Prokofjews 1.Klavierkonzert, die bravourösen Werke von Schumann und Liszt. Der junge amerikanische Kollege Van Cliburn rühmte 1958: "Das ist das gewaltigste Klavierspiel, das ich je gehört habe." Das Technische spielte für Richter keine Rolle; er konnte Debussy hauchen, Beethoven gleichsam in Erz fassen, Brahms mit düsterer Wucht versehen und die vertracktesten Etüden aus dem Ärmel schütteln. Richter bewegte, was hinter der Virtuosität steht: die Musik, die poetische Idee, die grossen Zusammenhänge. So gesehen, war er ein "altmodischer" Pianist, ja ein Nachzügler der Romantik. Als er in Erscheinung trat, stand der kühle Glanz des Technischen hoch im Kurs; er bewirkte einen Wandel hin zu Farbigkeit, Pathos und Subjektivität des Klavierspiels. Man begriff wieder, dass Interpretation nicht im bloßen Vollstrecken der Noten besteht. Sviatoslav Richter wirkte am Flügel wie einer, der unter heftigen seelischen Spannungen steht, wie eine problematische Natur, ein Metaphysiker, der es sich schwer macht. Er trug diese Probleme am Klavier aus, wenn er sich in Schubert vertiefte, wenn er Beethoven oder Schumann spielte, ja selbst wenn er Liszt und Prokofjew mit artifiziellem Glanz umgab. Er hatte Kapellmeister werden wollen; in der Tat steckte ein Musiker mit weitem Horizont in ihm, der Beherrscher eines Repertoires, von Bach bis Hindemith, der bestimmende Kopf beim Spiel in kammermusikalischen Ensembles. Zugleich war er scheu, jeder verbalen Selbstdarstellung abgeneigt und geflissentlich besorgt, seine private Existenz zu verbergen. Er reiste unablässig und erstellte Aufnahme um Aufnahme, mehr als jeder Pianist unserer Tage. Er wiederholte sich nicht mechanisch; jede Interpretation eines Repertoirestücks war das Ergebnis eines erneuten Ringens um das Werk. Konstant bllieb die Gewalt des Ausdrucks. Seit Furtwängler war kaum ein Interpret so sehr als Anwalt des tieferen Sinns der Musik empfunden wurden wie Richter. Er gab Garantie dafür, ein Höchstmaß an Gehalt wie Bravour aufzubringen. Seine Skala umfasste alles: Rausch, Brillianz, Versunkenheit, herbe Kraft, mondänen Glanz und grüblerischen Ernst. Sonaten, die man Note für Note zu kennen glaubte, verschafft er neue, durch ihre Wahrhaftigkeit überzeugende Akzente; Zugabestücke, eine Valse von Chopin oder ein Klavierstück von Ravel, wurden zur Hauptsache, zur Krönung eines Abends. Bis zu seinem Tod im Jahre 1997 behauptete er sich ohne Einbuße und Altersmilde. Er bewältigte die Nervenbelastung einer selbstzerstörerisch-aufreibenden Weltkarriere. Er verteidigte mit jedem Auftritt und jeder Aufnahme seinen Rang, wenn er befangen, ja linkisch an den Flügel trat und beim Spiel unter der Last der Werke zu leiden schien. Er lächelte kaum. Er war eine tiefernste, grüblerische Natur: der einsame Philosoph unter den Klaviergewaltigen des letzten Jahrhunderts.

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