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Biographie

Vierzehn Millionen verkaufte Platten nach vierzehn Monaten Musikbusiness: mit einer synchronisierten Präzision, die man sich kaum ausdenken (geschweige planen) könnte, passieren Susan Boyles Veröffentlichung eine Millionenmarke nach der anderen. In über zwanzig Ländern auf fünf Kontinenten erreichten ihre Alben bislang Platz eins der Charts.

Sie hat einen langen und beispiellosen Weg zurückgelegt, von den mittlerweile legendären Auftritten in einer britischen Talentshow bis hin zum Erfolg ihrer beiden Alben "I Dreamed A Dream" (2009) und "The Gift" (2010). Doch der kommerzielle Erfolg ist nur ein Aspekt ihrer Karriere: denn für die treuen Fans ihrer beeindruckenden Interpretationen sakraler und säkularer Klassiker, zeitloser Liebeslieder und beherzter Neu-Variationen großer Pop- und Rocksongs, ist die bescheidene Frau aus einem verschlafenen Kaff in Schottland längst eine DER prägenden Sängerinnen ihrer Generation. Derzeit bereitet sie sich in Schottland auf die weltweite Veröffentlichung ihres dritten Albums "Someone To Watch Over Me" vor.

Der außergewöhnliche Karriereverlauf hatte aber nicht nur umwälzende Veränderungen auf Susans Leben, sondern in der Folge auch auf die gesamte Popwelt. "Ich wusste selbst nicht genau, was da passierte", sagt sie heute. Sie ist keine, die unentwegt ein Auge auf Statistiken hat und das war auch nicht notwendig. Sie konnte die Wirkung ihrer Musik direkt an den Gesichtern ablesen. "Überall, wo ich auf der Welt hinkam, konnte ich sehen, wie meine Musik viele Menschen berührte. Die Leute wollten tatsächlich hören, was ich gesungen hatte. Ich finde das noch immer? erstaunlich."

Susan Boyle hatte eine Welt betreten, in der sich ihre Name plötzlich im Regal neben Rihanna, Michael Bublé, Lady Gaga oder Take That wiederfand - und dies keine Anomalie war. Auf gewisse Art und Weise machte es sogar Sinn. In der demographischen Landschaft des "New Pop", in der ausdrucksstarke Sänger einfach nur ausdrucksstarke Sänger sind, gleichgültig ob sie aussahen, als habe man sie gerade aus einem Parallel-Universum herübergebeamt und ganz gleich aus welchem Genre sie stammen, war die Vorstellung, dass jemand wie Susan Boyle einen nicht unerhebliches Stück des Tonträgermarkt-Kuchens für sich abschneiden konnte und sich damit dem rapiden Abschwung der gesamten Industrie zu widersetzen, ihre ganz persönliche Leistung. Es war nicht länger nur der Traum von einer Wunsch-Realität. Jetzt war es die Wirklichkeit.

Ist es nun vielleicht an der Zeit, über Susan Boyle als eine wichtige Symbolfigur unserer Zeit nachzudenken? Die Rückkehr zu einer Musik, in die noch etwas Ganzheitliches investiert wird, etwas Sinnhaftes und in ihrer speziellen Art und Weise auch etwas sehr Gewagtes? Susan verließ sich nicht auf alte Marketing-Gesetze, denen zu Folge der Look vor Talent geht. Sie ging einfach ins Studio und gab, was sie hatte.

"Als wir uns an das dritte Album machten, war ich immer noch unglaublich nervös", erklärt sie. "Ich machte mir Sorgen, dass ich das, was ich vorher gemacht habe, nicht mehr können würde, oder nicht weiter steigern kann. Aber nach einer Woche im Studio war es wie ein zweites Zuhause für mich." Einmal mehr tat sie sich mir Super-Produzent Steve Mac zusammen und beschloss, nach der festlich-kirchlichen Ausrichtung des zweiten Albums "The Gift", dass ihr als erster Künstlerin überhaupt zwei Null-auf-eins-Alben mit den ersten beiden Longplay-Veröffentlichungen in den USA und Großbritannien bescherte, auf die Briefe ihrer Fans einzugehen. "Es gibt bestimmte Songs, die ich persönlich liebe und die großartig zu den Geschichten passen, von denen mir die Menschen berichteten. Also sollte das neue Album davon handeln."

Aus irgendeinem Grund, möglicherweise durch ihre unbeirrbare Ehrlichkeit, mit der sie ihre Karriere von Anfang an gestaltete, oder durch die Tatsache, dass sie so partout nicht in das herkömmliche Muster passen wollte, wie eine Sängerin im 21. Jahrhundert vermarktet wird, begannen ihre Fans, intimste Gedanken mit ihr zu teilen. "Manchmal sind das ziemlich bedrückende Dinge", sagt sie. Gescheiterte Ehen, Trauer, gute und schlechte Zeiten, viel Auf und jede Menge Abs. All das fand sich in Susans Briefkasten, vorzugsweise auf altmodischem Weg zugestellt: mit Tinte und einer Briefmarke. "Das hat mich wirklich tief berührt", erklärt sie.

Wann immer sie angesichts der Aufnahmen neuer Songs ins Grübeln kam, so half ihr die Nähe zu ihren Fans, den emotionalen Kern der Musik zu finden. "Alles, was du singst, musst du auch meinen", erklärt sie, "das ist etwas, das ich schon sehr früh im Studio gelernt habe."

Das erste Stück, das sie im Kasten hatte, war die reduzierte Interpretation des Depeche-Mode-Klassikers "Enjoy The Silence". "Die Melodie des Songs ist einfach nur wunderschön", erklärt sie, "vor allem der Text klingt, als wenn er viele Menschen berühren wird, so wie er mich berührt hat." Susan verwandelte es in etwas völlig Neues. Jemanden, der in seinem Leben der Leidtragende zahlreicher zeimlich gemeiner Worte war, singen zu hören: "Words are very unnecessary, they can only do harm", verleiht der Komposition völlig neue Kraft. Es sind Momente wie dieser, die sie so besonders machen. Das Album "Someone To Look Over Me" zeigt eine gereifte Susan Boyle.

Weitere zeitgenössische Stücke wurden mit ähnlichem Enthusiasmus angegangen. Hört man z.B. ihre überraschend straighte Interpretation des Tears-For-Fears-Klassikers "Mad World", so könnte man sich für Susan Boyle durchaus eine Zukunft als erfolgreiche Interpretin großer New-Romantic-Songs vorstellen. "Ich kann mir kein besseres Lied für mich vorstellen", sagt sie und erinnert sich daran, wie sie das Stück als junge Frau in den Achtzigern zum ersten Mal hörte. "Es war atemberaubend. Wir wollten auf dem neuen Album experimentieren. Weg von den Standards und Balladen. Man weiß ja nie, vielleicht gefällt es ja auch einem jüngeren Publikum. Anhand meiner Post kann ich sehen, dass mir Menschen zwischen zwanzig und achtzig schreiben. Es ist nicht nur eine Altersgruppe."

Ihr unglaublicher Erfolg in den vergangenen zwei Jahren öffnete ihr viele Türen. Sie selbst ist natürlich nicht der Typ, der mit Namedropping angibt, doch die beiden Abba-Legenden Benny und Björn unterstützen sie bei der Aufnahme einer speziellen englischen Übersetzung des Stücks "You Have To Be There" aus ihrem schwedischen Musical "Kristina". "Der Text war eine wirkliche Herausforderung", sagt Susan, "es stellt die religiöse Atmosphäre meines letzten Albums geradezu auf den Kopf. Ich betrete damit unsicheres Territorium. Es fordert meine Vorstellungskraft. Für mich ist es auf verschiedene Art und Weise einfacher, über die Musik zu kommunizieren, als mit Menschen zu sprechen."

Zu den weiteren Highlights des Albums "Someone To Watch Over Me" zählt u.a. eine radikal umarrangierte Neufassung von "Unchained Melody", die mit dem Song genau das macht, was Eva Cassidy mit "Somewhere Over The Rainbow" gelang. Sie gab dem Song, den man bereits unzählige Male gehört hatte und der ein fester Bestandteil der Popkultur ist, eine völlig neues Flair. "Was die Emotionalität angeht, so kommt niemand an Eva heran", erklärt Susan, "sobald du die Augen schließt und ihr zuhörst, bist du bei ihr. Mit jemandem wie ihr verglichen zu werden, ist wirklich sehr schmeichelhaft." Auf dem Album findet sich mit "Both Sides Now" auch eine Coverversion des gleichnamigen Joni-Mitchell-Klassikers, der sie in folkige Gefilde führt - und natürlich der hochemotionale Titelsong "Someone To Watch Over Me".

"Bei dieser Platte ließ ich mich nicht mehr von der Studioatmosphäre einschüchtern", sagt sie, "ich fühlte mich sehr wohl". Auch die Reisen in andere Länder erscheinen ihr mittlerweile wesentlich angenehmer und bequemer. "Neulich bin nach Italien in den Urlaub gefahren, so etwas hätte ich früher nie getan. Im August war ich in New York und Anfang September in Los Angeles. Amerika ist so etwas wie eine zweite Heimat für mich geworden." Ein ganz spezieller Höhepunkt des Jahres war ein Trip nach China, wo sie als Gast der Show "China's Got Talent" auftrat. "Es war unglaublich. All diese freundlichen Menschen. Ich trat vor 60.000 Zuschauern in einem Stadion auf und dann sagte mir mein Manager, dass eine halbe Milliarde Menschen den Auftritt im Fernsehen verfolgt hätten. Gottseidank hat er mir das erst hinterher erzählt. Gut gemacht!"

Die Susan Boyle-Story geht weiter und führt sie in Bereiche, in die noch kein Vertreter ihrer Zunft, bzw. westlicher Musiker jemals vorgedrungen wäre. Ihre Geschichte ist phänomenal. Und es gibt nicht das kleinste Anzeichen, dass dieser Traum irgendwann ausgeträumt sein könnte.

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