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Biographie

SIZARR - PSYCHO BOY HAPPY

Man sollte es sich mit dieser Band nie zu einfach machen. Man sollte nicht der Versuchung erlegen, Sizarrs biografischem Buzz mehr Aufmerksamkeit zu schenken als nach ihrem nun vorliegenden, phänomenalen Debüt überhaupt noch übrig sein kann. Klar, als das 2009 losging mit Sizarr, da waren Fabian (voc), Philipp (synths, voc) und Marc (drums, percussion) für die Reife der bald von ihnen zu erwartenden Musik erstaunlich jung. Und natürlich, wenn man sich diese Musik in einem Städtchen wie Landau ausdenkt, dann passiert das auf einem unverkennbaren Nebenschauplatz hiesiger Popkultur.

Doch das wo ist nicht mehr wichtig. Sizarr sind tatsächlich das in diesen Tagen allerbeste Beispiel für eine neue Generation von Bands. Einer Generation von Bands, der nichts ferner liegt als die Selbstgenügsamkeit, es mit möglichst angepasster Weichzeichnung von jugendlichen Sehnsüchten bis ganz nach oben zu schaffen. Zum Glück sind Sizarr schon viel weiter. Dank des Internets blickten sie von Anfang an über den Status Quo nationaler Popkultur hinaus. Von Anfang an musste ihre Musik losgelöster, fortschrittlicher und aufregender sein, denn langweilig gab es ja die ganzen letzten Jahre schon. Von Anfang an war auch klar, dass Sizarr das ganze Ding besser selber machen, dass sie ihren Antrieb und ihre Identität nicht aus der Enge eines Städtesounds oder einer regionalen Nischenkultur beziehen, sondern überall daher, wo sie es wollen. Dieses Selbstbewusstsein sprach sich schnell herum. Nachdem die Rohfassungen der ersten Songs im Netz kursierten, wurden sie auf Festivals gebucht. Sie spielten das Melt!, das On3 Festival, das Berlin Festival, Iceland Airwaves, Eurosonic, Dockville und das Reeperbahnfestival. Sie tourten mit Kele und wurden als Support für Broken Bells engagiert. Große Plattenfirmen und die Presse wurden hellhörig, es erschienen Artikel in The Guardian, der Süddeutschen, in Intro, im Musikexpress und auf Spiegel Online.

Und dieses Selbstbewusstsein ist es, was nun "Psycho Boy Happy", eindrucksvoll abbildet. Auf der einen Seite die gesammelten und gefilterten Einflüsse dreier junger Musiker, die seit ihrer frühesten Jugend und nach einer den Warp-Backkatalog, HipHop-Geschichte und die immergültige Natur von Folk und Singer/Songwritern umfassenden Sozialisation auf Soundsuche sind. Auf der anderen aber auch das Talent, aus Einflüssen neue und eigene Ideen zu entwickeln. Denn auch wenn im Bandalltag bei Sizarr Laptops auch als Instrument gesehen werden und sich der Austausch von Ideen sowohl in E-Mail-Postfächern, als auch in Jamsessions abspielt, gehören sie mitnichten zu der Flut von Produzenten, die sich schon nach dem Download einschlägiger Produktionssoftware für Musiker halten. Dass Sizarr auch verstehen, was sie spielen, zeigt sich spätestens in der Bühnensituation.

Ohne dieses Wissen und die Sicherheit an ihren Maschinen und Instrumenten wäre die Vielschichtigkeit ihres Sounds auch kaum beherrschbar. Die polyrhythmischen Texturen ihrer Songs, die sich am modernistischen Konsens-Geklöppel von Animal Collective, Four Tet oder Caribou genau so orientieren wie an archetypischen perkussiven Patterns des Afrobeat. Die synthlastige Geheimniskrämerei, die sich mindestens so nebulös geben kann wie The Knife oder die neueren Zeitgeistapostel des Dubstep. Die barock anmutenden Bläser- und Streicherarrangements. Die akustische Natürlichkeit, die in ihren Songs oft viel mehr ist als nur schmückendes Beiwerk, nämlich die alles zusammen haltende Seele. Und natürlich der wie von Bowie geküsste, androgyn-brüchige Gesang, der coming-of-age-Geschichten und ewige Motive um Liebe, Sinn und Weltflucht nicht weniger als unverkennbar intoniert.

All das manifestiert sich in einem Album, das in seinem Stimmungs- und Bewusstseinsfluss fast schon geschichtslos erscheint. Tatsächlich haben Sizarr zwei Jahre daran gearbeitet. Allein, lediglich mit der Hilfe des befreundeten und gleichsam geistesverwandten Produzenten Markus Ganter. In einem der letzten Songs dieses Albums heißt es: "The kids take over now." Würde man es sich nicht mit der Betonung des Band-internen Durchschnittsalters wieder ein bisschen zu einfach machen, man könnte das nach diesem Album einfach kommentarlos so stehen lassen.

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