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Biographie

Stell Dir vor, Du bist 28 und am Leben. Du hast gerade einen ganz vorzeigbaren Job angenommen - die logische Konsequenz Deines nicht ganz unerfolgreichen Studiums. Deine Eltern sind stolz und froh, dass doch noch was aus Dir geworden ist. Deine Freundin bereitet sich innerlich schon auf ?weiss-Gott-was? vor. Kurzum: Du bist drauf und dran ein produktives Mitglied der Gesellschaft zu werden und Deinem Chef die nächsten zehn Jahre in den Arsch zu kriechen, bevor Du eines Tages vielleicht selbst Chef wirst und ein junger Kerl in Deinen Arsch kriechen wird. Und dann - welch Ironie des Schicksals - geht Deine Punkrockband plötzlich durch die niedrige Decke Deines WG-Zimmers. Plattenvertrag. Ein Dilemma könnte man meinen. Eine schrecklich schwierige Entscheidung. Nicht für Dich. Denn Deine Band heißt SCHMUTZKI und Du weißt ganz genau, dass die Sache ganz schön geil werden könnte...
Aber von vorn:
2011 knien drei Typen vor den bierverklebten Scherben ihrer musikalischen Existenzen. Ein gutes Dutzend semi- ambitionierter Hobbyband-Projekte wurden in den letzten 15 Jahren verschlissen und alles was übrig geblieben ist, trägt den schalen Geschmack von grobfahrlässig begangener Zeitverschwendung. Vielleicht ist es ja besser so. Es gibt ja noch andere Dinge im Leben. Ein neues Bier wird den Schmerz lindern. Prost.
Irgendwann - Minuten, Stunden, Tage oder Monate später - wird der delirante Nebel plötzlich von verstörendem Lärm durchbrochen. Jemand schreit etwas auf Fantasie- Englisch in die völlig überforderte Gesangsanlage des mit zombie-ähnlichen Menschen vollgestopften Proberaums unweit der Stuttgarter Innenstadt. In einer perfekten Symbiose mit billigem Alkohol martert der fast gänzlich undefinierbare Krach die Wahrnehmungsapparate der Anwesenden, darunter auch die drei Knieenden. Das ist sicherlich gar keine Musik. Eher die Vertonung des dumpfen Lebensgefühls nützlicher Idioten, die gerne mit einem Lächeln auf den Lippen sterben würden. Und: das ist zum ersten Mal in ihrem Leben richtiger Punkrock.
?Sie haben uns dazu gezwungen!?
Dieser Sound passt irgendwie in die Zeit. Wir wurden alle zu Perfektionisten erzogen und mussten irgendwann feststellen, dass wir unseren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden würden. Doch ist das jetzt ein Grund depressiv zu werden? Auf keinen Fall! Viel mehr befreit uns diese Erkenntnis von eben diesen Ansprüchen und wir können uns wieder über die kleinen Dinge des Lebens freuen ... oder so ähnlich ...
Damit ist diese nun de facto realexistierende Band, die später einmal SCHMUTZKI heißen wird, so eine Art Lieferant für Lebensgefühl-Soundtracks. Kundenstamm: Ihre eigenen Freunde, die zunehmend nachdrücklicher eine Marktreifung des musikalischen Genussmittels einfordern. ?Die Drei? fügen sich also in ihr Schicksal und stellen den Nachschub sicher. Ein erstes Konzert wird zunehmend unausweichlich und damit die Findung eines Namens. Beat Schmutz, dessen Name rückblickend als eine eindeutige Prognose auf seine berufliche Zukunft hätte gedeutet werden müssen, wehrt sich zunächst noch gegen die Verwendung seines Nachnamens und die damit einhergehende Exposition innerhalb der Chaoten-Truppe. Doch eine kleine Ergänzung, inspiriert durch das Über-Idol der Idole ?Horst Schimanski?, lässt jedoch jegliche Vorbehalte von ihm abfallen und ihn den verheißungsvollen Namen annehmen sowie verinnerlichen: SCHMUTZKI.
Also dann doch noch einmal eine Band.
Seltsamerweise fühlt sich diesmal alles anders an. Geradezu erschreckend intuitiv werden aus Krach und Fantasie-Englisch mitschreienswerte Lieder in Deutsch- ähnlicher Sprache. Irgendwie über Freundschaft und betrunken sein und ?haha, was sind wir doch für liebenswerte Trottel? und schön, schön laut. Schon Punk, aber mit amputiertem Zeigefinger und einem tick-artigem zwinkerndem Auge. Und ein bisschen Emo. Aber ohne Rasierklingen und Frisuren, für die man ein Glätteisen braucht. Bier-Emo halt.
Mit dieser Mischung ist der Weg vorgezeichnet. Rockstar- Coca-Cola-Recipe, Baby! SCHMUTZKI schöpfen aus den Vollen und spielen 2012 ganze fünf Konzerte. Bäm! Nach dieser anstrengenden Tour mit allen Höhen und Tiefen, die man so nur in den drei unbedeutendsten Clubs Stuttgarts durchleben kann, ist die Luft erst einmal raus. Was will man noch mehr? Sollte man nochmals expandieren, oder lieber auf dem erreichten Ruhm ausruhen und sich bis zur Rente durchsacken lassen? Eine 12x4 cm große Idee sollte alles verändern:
Die ersten 100.000 Aufkleber sind schnell verteilt und auch wenn anfangs niemand so recht weiß, was dieses SCHMUTZKI eigentlich ist, zeigt die Propaganda- Kampagne alter Schule schnell Wirkung. Die Band gewinnt Anfang 2013, zwar überraschend, aber nicht unvorhersehbar den Musikwettbewerb Play Live des Landes Baden-Württemberg und anschließend noch das Bundes-Finale des Local Heroes Contest. Endlich ist SCHMUTZKI jetzt auch offiziell die beste (Nachwuchs-) Band Deutschlands und wird mit einem beträchtlichen Medien-Echo konfrontiert (Zitat: ?Sind die wirklich so besoffen oder ist das nur Show??). Geschickt nutzt die Band die Aufmerksamkeit und platziert sich auf dem völlig überlaufenen Southside-Festival zu einer allerdings strategisch fragwürdigen Zeit: Samstag - 12:30Uhr. Um der drohenden Schmach
zu entgehen, für verkaterte Bühnentechniker gehalten zu werden, greift die Band abermals tief in die Trickkiste. Durch die hervorragenden geschäftlichen Beziehungen zu Online- Druckereien lässt die Band spontan eine weitere Charge von 100.000 Aufklebern und zusätzlich 500 SCHMUTZKI T-Shirts anliefern und überschwemmt das Festival mit den roten Stimmungsmachern. Aufgrund des enormen sozialen Drucks sehen sich fast 2.000 (echt!) genötigt, bei der morgendlichen Show kollektiv auszurasten. Damit sind SCHMUTZKI endgültig im Establishment des deutschen Punkrocks angekommen und müssen ihre Trümpfe in der Folgezeit nur noch clever ausspielen. Es folgten 2013 mehr als 60 Konzerte in allen Herren Bundesländer, vor überwiegend rotbekleideten Irren, dem sogenannten Schmutzki Mob, der mittlerweile auch vom Verfassungsschutz beobachtet wird.
Schon wieder hatte man alles erreicht!
Und dann der Schock: Das Leben geht weiter. Wie aus einem Traum erwacht man und realisiert, dass man drauf und dran ist, erwachsen zu werden. Aber nichts passt zusammen: hier das soziale Umfeld, das man in mühevoller Kleinarbeit an sich gekettet hat. Und dort die nihilistische Punkband, die einem so viel Freude aber auch Kopfschmerzen (sic!) bereitet.
Zum Glück wird SCHMUTZKI Anfang 2014 die Entscheidung abgenommen. Überzeugungskräftige Männer in schwarzen Anzügen, Abgesandte der sagenumwobenen Musikindustrie, überschütten die Band mit unablehnbaren Angeboten. Eingeschüchtert ob der schieren Präsenz dieser Vasallen, entscheidet sich die Band dafür, ausschließlich die von Frauen vorgelegten Angebote zu unterschreiben. Seit diesem Zeitpunkt überschlagen sich die Ereignisse. Fast täglich erreichen die Band erschütternde Neuigkeiten: Hier eine fünfwöchige Tour mit den wiedererstarkten Wizo im November. Dort die Aufnahme eines Albums im Winter und dessen Veröffentlichung im Frühjahr 2015. Ach ja, und hier rechts unten, eine kleine EP namens ?MOB?, die schon im Oktober 2014 als erste offizielle Katastrophen- Übung erscheinen wird. Wahrscheinlich ist in diesem Moment, liebe Leser, wenn ich es wagen darf, Sie an dieser Stelle noch persönlich anzusprechen, diese Band- Bio schon veraltet und von den Ereignissen eingeholt worden.
Unglaublich.

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