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Biographie

"Liebeskummer ist ein recht verbreitetes Phänomen, stimmt's?", scherzt der unfassbar talentierte Rory Graham, dessen Stern unter dem Namen Rag'n'Bone Man ohne Zweifel in Kürze überall aufgehen wird, mit einem unverschämt schelmischen Grinsen. Er hat der Bluesmusik, die seine Kindheit und Jugend prägte, einen ganz neuen Twist verpasst: mit Hilfe von Beats und diverser HipHop-Produktions-Methoden bringt er den traditionsreichen Musikstil gekonnt ins Hier und Heute. Er belebt dabei auch uralte Songthemen wie Verlust und Liebesleid, mit einer Stimme, die so unmittelbar, so rau und so ausdrucksstark klingt, dass sie jeden in Hörweite mit seiner schieren Urgewalt unweigerlich in seinen Bann zieht.

Graham ist der Inbegriff eines freundlichen Riesen. Sein Auftreten vermittelt ein Gefühl von Ernsthaftigkeit. Er ist ein großer Kerl, bärtig und tätowiert, doch statt "Hate" und "Love" zieren die Worte "Soul" und "Funk" seine Fingerknöchel. "Ich hätte mir auch ?Drum' und ?Bass' stechen lassen können - oder ?Jungle', über beide Hände hinweg", schmunzelt er.

Wenn Rory singt, lässt er seine Zuhörer das Alltags-Geplänkel, das sie ansonsten allzeit penetrant umtost, mit einem Schlag vergessen. Bei seinem ausverkauften Auftritt im Village Underground in London im Juni 2016 brachte er mit seiner Stimme die gesamte Halle wahlweise komplett zum Verstummen oder zum völligen Durchdrehen. Bei den ruhigen Songs war das Venue erfüllt von seiner gewaltigen, souligen Stimme, die die Menschen buchstäblich zu Tränen rührte. Seine sehr persönlichen Songs haben (nicht nur live) eine unmittelbare Wirkung auf sein Publikum, wie es in der heutigen Pop-Landschaft selten geschieht. Es ist eine Fähigkeit, die einem kein Gesanglehrer auf keiner Musikhochschule der Welt beibringen kann. Fünfzehn Jahre lang arbeitete Rory daran, seinen beachtlichen Gesangsmuskel auszutrainieren. Dabei verließ sich einzig und alleine auf seinen ureigenen Instinkt.

Schon in seinem Elternhaus in Uckfield, dreißig Kilometer landeinwärts von Brighton, stand Musik im Mittelpunkt. Sein Vater spielte in seiner Freizeit Gitarre, seine Mutter sang, ständig liefen Schallplatten. "Mein Dad stand auf Blues, aber auch Rock-Crossover-Sachen wie JJ Cale", erinnert er sich. "Er hörte auch viel Reggae, wie z.B. Peter Tosh, was mich letzten Endes zu diesen ganzen Soundclash-Sachen gebracht hat, und natürlich Jungle." Mit fünfzehn war er MC einer Drum'n'Bass-Crew und nannte sich Rag'N'Bonez, inspiriert von der Seventies-Sitcom "Steptoe And Son", die er (als Wiederholungen) im Fernsehen gesehen hatte. Es gab nicht viel zu tun in dem kleinen Heimatort, also rief die Gruppe ihren eigenen, kleinen Piratensender ins Leben. Bald wurde Graham jedoch klar, dass er nach Brighton ziehen musste, um mit seiner Musik voran zu kommen.

Nachdem er seine Rap-Skills bei Open Mic-HipHop-Abenden ausgetestet hatte und bis zum Abwinken UK HipHop u.a. von Roots Manuva konsumierte, begann er damit, nach London zu pendeln, um die Slipjam B-Events im Jamm Club in Brixton zu besuchen. Dort freundete er sich u.a. mit Gizmo und DJ Direct an, mit denen er die Crew "The Rum Committee" gründete. In den folgenden Jahren supporteten sie u.a. Old-School-Legenden wie Pharoahe Monch und KRS-One im Concorde 2 in Brighton und veröffentlichten ihr eigenes Album via Bandcamp. Durch die Arbeiten an dem Album erlernte Rory die Basics des Aufnehmens. Nebenbei versuchte er sein Potenzial als Sänger auszuloten. Mit neunzehn hatte ihn sein Vater überredet, in einem Pub im Ort ans Mikrophon zu kommen. "Danach kam dieser alte Typ zu mir und sagte: ?Alter, deine Stimme ist der Wahnsinn, du solltest mehr singen'", erinnert er sich. "Und dieses Gefühl, tatsächlich eine unmittelbare Reaktion zu bekommen, hatte eine große Wirkung."

Die Entwicklung der beiden Gesangs-Disziplinen - einerseits des Rabauken-Rap des Rum Committees, andererseits das "richtige" Singen, das sich an den Blues-Platten seines Vaters orientierte, verlief zunächst recht unabhängig voneinander. "Ich habe meine Stimme durch diesen Musikstil gefunden", vermutet er, "als ich damit begann, meine eigenen Musik zu schreiben, klang alles sehr nach Muddy Waters, denn damit bin ich groß geworden. Blues ist ansteckend. Niemals hat jemand Blues gehört und gesagt: ?Nein, das gefällt mir nicht'. Niemals hat sich jemand BB King angehört und gesagt: ?Das ist scheiße'. Keiner hat das jemals - und falls DU es getan hast, bist du ein Idiot." Graham veröffentlichte auf eigene Faust eine EP mit dem Titel "Blues Town". "Meine Stimme klingt darauf noch nicht so wirklich großartig, und die Aufnahmen waren ganz einfach auch nicht gut", gibt er heute zu, "doch überraschenderweise stießen die Songs auf große Gegenliebe". Plötzlich begannen sich einige Türen zu öffnen: er wurde für Akustik-Gigs gebucht, darunter einer als Support von Joan Armatrading im Brighton Dome.

Um 2011 herum tat er sich mit dem britischen HipHop-Label High Focus zusammen und veröffentlichte einige weitere EPs, auf denen er seine bluesigen Vocals mit den für das Label typischen jazzigen Beats kombinierte. Er spielte Solo-Gigs, lediglich begleitet von einem DJ, doch als er anfing, mit dem Produzenten Mark Crew zusammen zu arbeiten, kam die Weiterentwicklung seiner Blues/HipHop-Fusion richtig in Fahrt. Crew arbeitete seinerzeit am Bastille-Debütalbum "Bad Blood", Rory war Pfleger für Menschen mit Asperger-Syndrom. Nachdem ihm ein von Crew produziertes, roughes Demo einen Verlagsdeal bei Warner Chappell eingebracht hatte, konnte er sich nun allerdings leisten, sich nun ganz auf die Musik zu konzentrieren.

In Crews Bunker-Studio in Battersea arbeiteten die beiden in aller Ruhe an einer weiteren EP die 2014 unter dem Titel "Wolves" erschien und der man alleine schon an der albumhaften Titelanzahl (neun!) die großen Ambitionen anmerkte, die dahinter steckten. Crews robuste Beats spiegelten Grahams Faible für die legendären Produktionen der Jazzy-HipHop-Giganten Gang Starr wider und als musikalische Gäste hatten sie sich Rapper Vince Staples, Stig Of The Dump und Kate Tempest (mit der sich Graham vor ihrem Mercury Award angefreundet hatte) ins Studio geholt. Innerhalb des HipHop-Sound-Formats war jedoch nach wie vor der Song der Schlüssel zu allem und Rory bekam alle Freiheiten, mit Songstrukturen zu experimentieren. Regelmäßig gipfelten diese in explosiven Refrains, bei denen er seine beeindruckende Stimmgewalt unter Beweis stellen konnte.

"In den Texten findet sich sehr viel Schmerz", erläutert er, "doch es ist nicht immer zwangsläufig meiner. Mich interessiert, was im Leben der Menschen passiert. Eines Abends habe ich mich mit einem Kumpel betrunken. Wir hatten ein wirklich tiefsinniges Gespräch und er erzählte mir, dass seine Ex-Lebensabschnittspartnerin ihm nicht gestattet, seine Tochter zu sehen. Und ich dachte mir: ?Ich kann nicht einfach KEINEN Song darüber schreiben'. Also setzte ich mich am nächsten Tag hin und schrieb ?No Mother'. Das passiert mir oft - manchmal macht es in meinem Kopf ?Klick' und ich denke: ?Okay, dieses Thema verdient es, dass man etwas dazu sagt."

Grahams auffällige Talentanhäufung (vielseitiger Songwriter, Ausnahme-Sänger, Meister in der Kunst, menschliche Emotionen in Musik zu übertragen) und die unüberhörbare Qualität der "Wolves EP" führten zum Plattenvertrag mit dem Sony Music-Label Columbia Records. Bei der folgenden "Disfigured EP" setzten Crew und er auf einen reduzierteren Sound, inspiriert von der Luftigkeit in Al Greens Musik, der Raum ließ für seine Stimme. Die Arrangements wurden von allen unnötigen "Nebengeräuschen" bereinigt. "Ich erinnere mich, dass ich dachte: ?Ich kann jetzt machen, was ich will. Und wenn ich jetzt einfach etwas mache, das gut klingt, dann werde ich keinen Gedanken daran verschwenden, welchem Genre man die Musik zuordnet. Deshalb klingt ein Song wie Bon Iver, einer wie richtiger Hardcore Bluesrock, und einer eher wie HipHop/Soul. Kein Song klingt wie der andere."

Der Leadtrack "Bitter End" ist die zu Tränen rührende Zurkenntnisnahme, dass eine Beziehung zu Ende gegangen ist. Der Song erhielt massive Airplay-Unterstützung und fand den Weg auf eine Playliste bei BBC Radio 1 Xtra und die "In New Music We Trust"-Playliste von Radio One. Graham stellte eine Rag'n'Bone Man-Liveband zusammen, mit Drummer, Bassisten, Gitarristen, Keyboarder und Backgroundsänger. Zusammen mit einigen handverlesenen Gästen tourten sie unter dem Motto "Rag 'N' Bone Man Presents" landauf, flussab durch das Vereinte Königreich. Auch auf europäischen Festivals sorgte die Band für Furore, beim Glastonbury, Eurosonic und Loveboxx zogen sie das Publikum in ihren Bann und erspielten sich jede Menge neue Fans.

Im Sommer 2016, nach eineinhalb Jahrzehnten des Experimentierens und Lernens, Fokussierens und der Feinjustierung, schickt sich Rag'n'Bone Man nun an, sich europaweit einen Namen zu machen. Den gesamten Winter hindurch verbrachte Rory im Studio, um an seinem Debütalbum zu arbeiten, teilweise mit Mark Crew in Battersea, aber auch mit anderen, neuen Produzenten, darunter Two Inch Punch (aka Ben Ash), der bereits als Co-Songwriter/Produzent mit Sam Smith, Jesse Ware und Damon Albarns Africa Express arbeitete und Jonny Coffer, ein weiterer Produzent mit großem Songwriting-Talent (u.a. Naughty Boys "La La La").

Schon der erste Track, der an die Öffentlichkeit gelangte, elektrisiert: als Vorab-Teaser veröffentlichte Rory (als "Soft-Release") den Song "Healed", der unter der Regie von Cadenza (Lily Allen, Sean Paul etc.), aka Oliver Rodigan (Sohn von Reggae-DJ-Legende David Rodigan) entstand. Das von Bläsern unterstützte Zeitlupen-R&B-Gospel-Stück entstand irgendwo zwischen London und Jamaika unter dem Einfluss der musikalischen Traditionen der beiden Orte - ein Aufeinandertreffen zweier Kulturen, das eine melancholische Sommer-Hymne hervorbrachte. Im Laufe des akribischen Prozesses, sein wichtiges, erstes Album zusammen zu stellen, konnte Graham von Zeit zu Zeit seinen Drang, aufzutreten, nicht mehr im Zaum halten und er nahm spontan an Open-Mic-Abenden teil, um es stimmlich wieder einmal richtig krachen lassen zu können.

Mit "Human" liegt nun auch die offizielle erste Vorabsingle des Albums vor: Angetrieben von einem unwiderstehlichen Chain-Gang-Beat singt Rory von tödlicher Verletzlichkeit, in einer bewegenden Art und Weise, die keinen kalt lassen kann. Es ist ein Lied, dass Grahams scheinbare Widersprüchlichkeiten auf den Punkt bringt: seine Stärke und seine Freundlichkeit, sein atemberaubend meisterhafter Gesang und seine intuitive Soulfulness, sein früh erlangtes Wissen um die Befindlichkeiten des menschlichen Daseins.

In der Post-Millenniums-Kultur, in der jedes aufstrebende Talent bereits in jungen Jahren geschult wird, sich eine einheitliche Phrasierung und Technik anzueignen, ist Rag'n'Bone Man der impulsive Gegenentwurf. Er berührt die Menschen mit seiner Musik und seinen Texten auf einem direkteren, spirituellen Level. Die Qualität des jungen Briten, der selbst nie damit aufgehört hat, ein besessener Musikfan zu sein, ist unüberhörbar, in jeder Note, die er singt.

Neben "Funk" und "Soul" hat Rory ganz zweifellos auch das Wort "Star" überall auf seinem Körper stehen - wenn auch (bislang) unsichtbar. Er ist ein außergewöhnlich warmherziger und einnehmender Kerl, mit einem beeindruckenden Naturtalent. Die Welt wird es lieben, ihn endlich kennen zu lernen.

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