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Biographie

Miss Platnum ist tot, es lebe Miss Platnum
Schmerz, Trauer, Wut und die schwarze Galle der Melancholie. Lebenslust, Freude und balkanische Feierlaune. Schmeißt die Gläser an die Wand! Miss Platnum singt jetzt auf Deutsch - mit großer Bandbreite. Inzwischen ist der vormalige Fantasiecharakter nämlich zur vollkommenen und erwachsenen Künstlerin gereift. Die weiß genau, wie eine Stimme einzusetzen ist und wie man sagt, was man sagen will.
Ruth Renner begann ihre Karriere wie so viele andere Sängerinnen, die mit außergewöhnlichem Gesangstalent gesegnet sind - als Studiomusikerin. Schnell wurde klar, dass die rumänisch-stämmige Berlinerin mehr sein will, als nur die nette Stimme im Hintergrund. Ganz in der Tradition der Balkan-Beats entwickelte sie die Figur der Miss Platnum: Eine lebenslustige Matrone, die mit durchschlagendem Humor die Welt in Schutt und Asche legte. Übergewicht? Kein Problem: "Give me the food". Alle Balkan-Frauen wollen reiche Westmänner: "Come marry me!" Miss Platnum spielte mit Vorurteilen und Klischees, reicherte Balkan-Melodien mit fetten Beats an und startete eine viel beachtete Live-Karriere. Miss Platnum war der Star auf jeder Weltmusik-Party, während Mädchenbanden ihre ersten beiden Alben als Soundtracks nutzten, um Städte unsicher zu machen. Miss Platnum stand für das Selbstbewusstsein einer starken Frauengeneration, die sich weder um gängige Schönheitsideale noch um Etikette kümmerte. Wenn der Frust raus will, dann muss man halt schreien und wenn man gut drauf ist, dann soll es jeder wissen. Miss Platnum trug ihr Herz auf der Zunge, machte die Nacht zum Tag und brachte den Balkan nach Deutschland. Trotzdem fehlte was. Das rumänisch eingefärbte Englisch war ganz witzig, aber alles konnte man damit nicht besingen. Die Rolle der gutgelaunten, lauten Powerfrau mit der offensiven Sexualität war charmant und schuf Aufmerksamkeit beim großen Publikum. Aber auch die ruhigeren und melancholischen Ecken in der Seele der Ruth Renner forderten Hörbarkeit ein.
Was tun? Die Sicherheit wählen und das Erfolgskonzept weiter verfolgen? Noch ein Album in der bewährten Manier herausbringen? Oder doch etwas Neues wagen? Aber wie, womit und warum? Auf Deutsch singen war zum Beispiel eine Alternative. Seit Ruth Gesangsunterricht nahm, hatte sie ausschließlich Englisch gesungen. Aber wie sollte sie auf Deutsch singen? Wie alle anderen auch? So ein Blödsinn! Andererseits waren da Gedanken wie: Könnte man auf Deutsch nicht all die Geheimnisse, die zarten Gefühle, die leisen Töne endlich zum Ausdruck bringen, die im bisherigen Werk der Miss Platnum zu kurz gekommen waren? Könnte man nicht endlich all das sagen, was man immer schon sagen wollte, aber unter dem selbstgewählten Image des Kunstcharakters bisher nicht sagen konnte? Wäre das nicht wirklich ein Schritt raus aus dem Gewohnten? Auf Deutsch singen - so naheliegend und doch so fremd.
Ruth Renner zögerte. Sie wälzte die Ideen hin und her und spielte sogar mit dem Gedanken, alles über Bord zu werfen und Miss Platnum sterben zu lassen. Etwas ganz Neues sollte her, frisch, anders und einmalig. Ruth Renner nahm Umwege und experimentierte. Sie setzte an, stockte, machte weiter, brach ab und setzte wieder von vorne an. Irgendwann erkannte sie, dass sie der Figur der Miss Platnum doch so einiges zu verdanken hatte, und, dass man diese nicht so einfach begraben könne. Nach und nach stellte sich schießlich ein gewisses Gefühl für die zunächst fremde Sprache Deutsch ein. Zusammen mit den erstklassigen Textern Mario "Malo" Wesser, Marten "Marteria" Laciny und David "Monk" Conen schreib sie die ersten deutschsprachigen Songs. Immer mehr Lieder entstanden und langsam entwickelte sich aus dem Geburtsnebel einer neuen Künstlerpersönlichkeit eine neue Miss Platnum.

"99 Probleme" werden aufgenommen, in denen Ruth Renner thematisiert, wie es sich anfühlt, vom Publikum abgelehnt zu werden: "Mein Label hat'n Tip, mach mal'n Hit/ dann noch'n Hit, noch'n Hit, noch'n Hit/ ich mach da nicht mit, dann lieber Kunst/ mach keine Musik für kleine Mädchen und Jungs/ kuck mal nach im Netz, was die Masse so sagt/ sie lieben lila Wolken, aber hassen meinen Part". Na und?

Ruth schreibt "Frau Berg". Sie besingt auf wunderbar einfühlsame Weise die Trauer einer Frau, die immer nur geliebt werden wollte, aber immer nur ausgenutzt wurde und deren Herz zu Stein geworden ist - zu tausend kleinen Steinen, die sie am Ende ihres Lebens ins Meer wirft: "Die alte Frau steht auf dem großen Berg/ dunkler, kalter Fels umschließt ihr Herz/ die alte Frau steht auf dem großen Berg/ schmeißt alle Steine in das Meer/ schmeißt die ganzen Steine runter in das Meer/ schmeißt alle Steine in das Meer".

Mit "Gläser an die Wand" liefert sie den Beweis, dass die alte Miss Platnum nicht gänzlich verschwunden ist. Das Balkanblut kocht noch, wird aber mit einen tiefen Blick ins Innenleben angereichert. Denn Gläser wirft man schließlich nicht ohne Grund an die Wand: "Ich weiß ich bin schwierig, dass du mich manchmal hasst/ du hättest so vieles an meiner Stelle ganz anders gemacht/ manchmal regnet es Feuer und dann wird alles zu Eis/ lass uns das bitte nicht zu ernst nehmen, es geht vorbei/ ich mag es lieber laut als zu still/ wir waren nie das nette Paar von nebenan/
du bist das was ich will/ und wenn wir feiern fliegen Gläser an die Wand".

Angst vor dem verlassen werden, Verzweiflung, Trauer, Wut und Schmerz: Das neue Album von Miss Platnum ist düsterer als seine Vorgänger. Der Sound ist urbaner, Neonlicht leuchtet dunkle Ecken aus, bis der Song "Letzter Tanz" Zuversicht im Panzermodus der altbekannten, apokalyptischen Miss Platnum heraufbeschwört: "Die Sonne malt uns nochmal an die Wand/ der Tag war lang und viel zu hell/ wir beide stehen vor unsrem Schloss aus Sand/ komm wir schenken es den Wellen/ wenn jemand sagt, dass er die Welt retten will/ soll er das tun, wenn er das kann/ und wenn wir zwei uns nochmal sehen wollen, dann geht das niemand etwas an".

Ruth Renner hat auf diesem Album freigeschwommen und der Figur Miss Platnum zu einer neuen Freiheit verholfen. Als Künstlerin hat sie mit "Glück und Benzin" zu sich selbst gefunden und alles umgesetzt, was sie in ihrer langjährigen Musikkarriere gelernt hat. Das Album strotzt vor gesundem Selbstbewusstsein und das zu Recht. Wer braucht Sicherheit, wenn man in Straßenklamotten immer noch cooler aussieht, als andere in der Nobelkarosse? Oder anders gesagt: "Der Mercedes verkauft, hab ihn nie gebraucht, zieh die alten Nikes an, seh auch damit sehr gut aus". Genau!

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