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Biographie

Keine Zigeuner. Und nicht eine einzige Katze. Und dennoch dieser Bandname: Gypsy & The Cat. Man würde vermutlich eher auf Lagerfeuer-Punk-Jazz, Nu-Hippie-Folklore oder Mystery-Dubstep tippen, doch hinter dem wunderlichen Namen verbirgt sich ein australisches Electro-Pop-Duo, das sich auf die Komposition wunderschöner Mini-Epen spezialisiert hat. Kleine Meisterwerke, durchdrungen von verlorener Schönheit und elegischer Romantik. Die Texte handeln (wie nicht anders zu erwarten war) von Liebeskummer und Einsamkeit, Ex-Freundinnen und zukünftig zu erwartenden Niederlagen und Verlusten. Aus ihrer Zeit, als sich sowohl Xavier Bacash (der kein Zigeuner ist) als auch Lionel Towers (der keine Katze ist) als DJs in Melbourne verdingten, französische Disco-Musik liebten und Ayers-Rock-große Beats'n'Basslines unter die Party People pumpten, wissen die beiden allerdings auch, wie man es anstellt, die Menschen selbst zu den traurigsten Songs auf die Tanzfläche zu bringen.

Trotz gemeinsamer beruflicher Vergangenheit in derselben Stadt trafen sich die beiden erst vor drei Jahren. Doch halt: es ist nicht ganz auszuschließen, dass sich Xavier und Lionel, ohne es zu wissen, auf dem einen oder anderen Spielplatz oder Schulhof über den Weg liefen. Beide besuchten dieselbe High School, Lionel (25) allerdings drei Jahrgänge über Xavier. Letzterer lernte als Kind Schlagzeug, während Ersterer im Alter von sieben Jahren mit klassischem Klavierunterricht begann und später am College Musik studierte. Später gab er Lionel Pianostunden und brachte sich selbst das Gitarrespielen bei.

Bevor die beiden beschlossen, Gypsy & The Cat zu gründen, musizierten sie bereits zusammen in der Band Night Corps, die sich dem Genre "konzeptionelle Electronica" widmete. Im Studio spielen sie alle Instrumente und technischen Geräte. Die Musik entsteht im Zusammenwirken von Computer-Hardware, programmierbarer Software und einem herkömmlichen Gitarre-Bass-Keyboards-Drums-Line-Up. "Wir greifen uns alles, was wir in dem Raum finden", erklärt Lionel, "wenn es sein muss, sogar Blockflöten". Auf der Bühne wird das Duo allerdings von weiteren Musikern unterstützt. Allgegenwärtig ist dabei der Einfluss ihrer All-Time-Songwriting-Größen Fleetwood Mac, Simon & Garfunkel, Michael Jackson, The Police und Queen. Oder wie Gypsy & The Cat sie nennen: "heritage pop acts".

Ihr erster Song war sofort ein Glückstreffer. "Wir experimentierten gerade mit Loops und anderem Dance-Kram herum, als plötzlich der Song ?City Lights Of Fire' entstand - das war der Start unserer gemeinsamen Songwriterkarriere", erinnern sie sich. Der erste Versuch war allerdings gleich so stark, dass er es bis auf das Debütalbum schaffte.

Es folgte eine Flut weiterer Songs, und letzten Endes fanden sie tatsächlich "ihren Sound". Doch wie lässt dieser Sound beschreiben? Und wie könnte man ihn nennen? In der Vergangenheit fielen im Zusammenhang mit der Musik von G&TC Begriffe wie "Dreamwave", "Balearic Balladry", "semi-acoustic Chillwave" oder "electronic MOR". Um die Journalisten in Zukunft von der Last der Kategorie-Findung zu entbinden, haben sich die beiden nun selbst eine ausgedacht. "Wir nennen unsere Musik ?electronic Softrock'", sagt Xavier. "Mit etwas Dreamwave und Chillwave", ergänzt Lionel. Sind sie also so etwas wie die Simon & Garfunkel der elektronischen Musik? "So könnte man das sagen".

Sie sind natürlich weit mehr als Hightech-S&Gs. Ihre ausgefeilten Harmonien und raffinierten Vocal-Arrangements sind von anrührender, Bee-Gees-esker Finesse. Und Xaviers Gitarrenarbeit muss sich hinsichtlich Effektvielfalt und -einsatz keineswegs vor dem ?uvre Andy Summers' verstecken. "Wir lieben die großen Bands der Siebziger und Achtziger, sie sind unser Haupteinfluss", erklärt Lionel. "Wir stehen auf hymnische Popmusik mit allem Drum und Dran - große, ambitionierte Songs. Musik, die möglicherweise nicht als ?Pop' geplant war, aber dann extrem populär wurde."

Alle Einflüsse kann man auf dem G&TC-Debütalbum "Gilgamesh" auch selbst nachhören. Nehmen wir z.B. "Jona Vark". Es ist nicht nur die Single, mit der ihnen in ihrer Heimat der Durchbruch gelang, sondern auch jenes Stück, der ihren Sound definiert: luftig-melodischer, aber dennoch prachtvoll-melancholischer Pop, wie man ihn vielleicht aus der Buckingham/Nicks-Ära von Fleetwood Mac kennt. Ein wirklich zauberhaftes, packendes Stück Musik, das mit folgender Textzeile beginnt: "She walks down the street, alone in the dark/And she's got nothing to fear". Voilà: die Szenerie ist skizziert, das Interesse des Hörers geweckt.

G&TC sind Meister des auf-den-Punkt-Bringens. Sie benötigen lediglich einige wenige Worte, um ein lebendiges Bild zu entwerfen. Überdies haben sie ein Talent für leise Dramen: "Sight Of A Tear" ist lieblich und dennoch bewegend. Der Gesang gleicht einem Seufzen, die Keyboardsound-Wogen umspülen dich mit ergreifenden Akkord-Wellen. G&TC machen Mainstream-Musik mit Ecken und Kanten. Einerseits hochkredibel, andererseits aber auch mit dem Anspruch, vielen Menschen zu gefallen. "Running Romeo" hat einen großen Refrain, unwiderstehliche Hooklines und fühlt sich auch ohne Chartplatzierungen wie ein Welthit an. Auch "The Piper's Song" benötigt weniger als einen Augenblick, um zu gefallen: der Achtziger-Jahre-hafte Track ist ein weiteres exzellentes Beispiel, wie perfekt sich bei G&TC melancholische und euphorische Elemente ergänzen. "Breakaway" vollbringt einen anderen schwierigen Spagat: es klingt wie ein Klassiker und ist dennoch unüberhörbar das Produkt moderner Studiotechnologie des 21. Jahrhunderts. Bei "Til Tomorrow" singen die beiden Jungs in einer tieferen Stimmlage, wieder einmal zu herzzerreißenden Akkorden, die mit Hilfe subtiler Synthesizer-Orchestrierung aber eine klangfarbliche und tonale Abwechslung ergeben. Es ist die perfekte Musik für die Morgenstunden - oder Stunden der Trauer - nach dem Ende der vorangegangenen Beziehung. Doch wie durch ein Wunder taugt sie auch als Soundtrack für Momente des Jubels und des Glücks. Der Song "Time To Wander" z.B. ist majestätisch, jubilierender Gipfelstürmer-Pop jener Sorte, wie er heutzutage einfach nicht mehr gemacht wird.

Ziemlich beeindruckend, das alles. Und dabei haben die Songs ja nicht nur geschrieben und eingespielt, sondern auch das gesamte Album in ihrem Studio in Melbourne selbst produziert. Lediglich für die finale Abmischung wurden mit Dave Fridmann (Flaming Lips, Mercury Rev, MGMT) und Rich Costey (Muse, Glasvegas, Franz Ferdinand) zwei zusätzliche Fachkräfte engagiert, um dem Ganzen das letzte Finish zu verpassen.

Ihre Songs behandeln (nach eigenen Aussagen) die Themen "Beziehungen, Schlussmachen und den Zustand jung, bedröhnt und verwirrt zu sein". Die Musik entsteht in enger Zusammenarbeit der beiden, doch die Texte schreibt in der Regel Xavier: Der Grund: die geschilderten Beziehungsbeendigungs-Szenarien handeln meist von dessen Ex-Freundin. "Und es wäre ja ziemlich seltsam, wenn Lionel über meine Ex-Freundin schreiben würde", stellt Xavier richtigerweise fest.

Doch was hat es nun mit den Zigeunern und Katzen auf sich? Es stellt sich heraus, das sich Xavier eines Tages auf einem Flohmarkt herumtrieb, wo er ein altes, abgegriffenes Kinderbuch mit Gutenachtgeschichten fand, dass den Titel "Gypsy The Cat" trug. Sie fügten ein "&" ein und der Rest ist? ein Mysterium.

"Wir stehen auf Märchen und Fantasy", erklären sie, "dieses ganze Roald Dahl/JR Tolkien-Ding. Das suppt zwar nicht bis in unsere Text durch - da thematisieren wir lieber reale Erlebnisse - doch es hat möglicherweise Einfluss auf unsere Soundlandschaften."
Und es wird bei ihren Konzerten zu sehen sein. "Wir haben ein paar Requisiten und etwas Fantasy-Ästhetik", verspricht Lionel - verkleiden werden sich die beiden allerdings nicht. "Wir tragen auf der Bühne ganz normale Sachen, denn wir wollen eine Atmosphäre schaffen, die jedem bekannt vorkommt", erläutert Xavier. Die Höhenflüge der Phantasie bleiben der Musik vorbehalten. Die zwölf Songs des Debütalbums des Duos, das vor Kurzem nach London übersiedelte, gehören allerdings weiter weniger in den Bereich Fantasy, sondern sind schlicht und ergreifend fantastisch.

"Sie klingen? magisch", sagen sie selbst. Und damit wäre eine weitere Bezeichnung für ihren Stil gefunden: Magischer Realismus. Perfekt.

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