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Biographie

Neulich war Tom Findlay mal wieder bei HMV. Im Instore-Radio kam gerade ein Song. Melancholisch, doch gleichzeitig euphorisierend, soulful und oldschool, technisch dennoch auf dem neuesten Stand, fett produziert, mit Bläsern, Beats und allem Drum und Dran. "If you're fond of sand dunes and salty air?". Findlay, der selbstvergessen die Plattenracks durchstöberte, nickte anerkennend im Rhythmus mit dem Kopf. Super Song, keine Frage. Es sollte jedoch geschlagene zwei Minuten dauern, bis er endlich realisierte, dass dies sein Song war. Es war "At The River", ein Stück, das er sich zusammen mir seinem Partner Andy Cato einige Jahre zuvor ausgedacht hatte.
Das sind die Geschichten, die passieren, wenn man Mitglied bei Groove Armada ist. Man entwickelt Ideen, schraubt sie in einem winzigen Studio zusammen (man nehme: eine House-Bassline, ein Sample, das man gerade aus irgendeiner Plattenkiste gezogen hat, dazu jede Menge neue, geile Hooklines) und - hey, Disco - fertig ist ein neuer Song. Aber schon bald gehören dir diese neuen Songs nicht mehr. Sie gehören den Menschen in den Clubs, den Konzertbesuchern, den Top-40-Chart-Fans, den Massen auf den Festivals, den "Lovebox"-Stammgästen und natürlich den drei Millionen Menschen, die deine Alben gekauft haben. Und selbst wenn sie in der Autowerbung eingesetzt werden, wie z.B. neulich in einem der aufsehenerregendsten TV-Spots der vergangenen Jahre: Letzten Endes gehören die Songs den Menschen.
Groove Armada können vermutlich überhaupt nicht anders: Sie basteln Songs, die sofort nach Fertigstellung aus der beengenden Umgebung des Studio ausbrechen und sich ihren Weg in große, weite Welt bahnen. "At The River", "If Everybody Looked the Same", "Superstylin'", "I See You Baby" sind einige der herausragenden Stücke unserer Zeit. Doch ist man von Natur aus rastlos und innovativ wie Groove Armada, will man beim besten Willen nicht durch Großtaten der Vergangenheit definiert werden - völlig gleich, wie genial und glänzend diese auch gewesen sein mögen. Im Gegenteil: Man will davon loskommen. Oder besser: Man will vorankommen.
Vor einigen Jahren spielten Findlay und Cato sogar mit dem Gedanken, Groove Armada komplett sein zu lassen. Immerhin hatten sie zu diesem Zeitpunkt bereits fast ein Jahrzehnt auf dem Buckel. Sie hatten mehr erreicht, als sie jemals zu träumen gewagt hatten, seit sie sich 1995 zum ersten Mal getroffen, ihre eigene Clubnacht in London gestartet und 1997 ihre Debütsingle "At The River" veröffentlicht hatten. Mit ihrer Live-Show waren sie mehrfach um die Welt gezogen (besonders in Australien erfreuen sich Groove Armada großer Beliebtheit). Sie veröffentlichten vier Alben, mit denen sie nicht weniger als das Rad der House-Musik neu erfanden, und experimentierten nebenbei mit dem einen oder anderen Genre herum. Sie wurden für einen Grammy nominiert und alle - von Elton John bis hin zu den Partypeople von Ibiza - lagen ihnen zu Füssen. Als 2004 schließlich ihr "Best Of"-Album erschien, wurde es den Plattenhändler regelrecht aus den Händen gerissen.
Nun. Groove Armada hatten also ihr Ding gemacht. Trotzdem waren sie nach wie vor beim gleichen Label gesignt wie Britney Spears und Steps. Und das kann manchmal sehr deprimierend sein. Irgendwie ermüdend. Und irgendwann hat man ganz einfach die Schnauze voll.
Doch dann - wie so oft zuvor, folgten sie dem Ruf der Musik.
"Wir tourten im Anschluss an das Greatest-Hits-Album und waren völlig geplättet von der Welle an Euphorie, die uns entgegenschlug", erinnert sich Cato. "Wir verkauften mehr Tickets für die Brixton Academy als Paul Weller? Gleichzeitig legten wir aber auch noch bei House-Parties bis morgens um sechs auf, wie wir das immer schon getan hatten. Alles lief wie geschmiert. Es war ein komischer Gedanke, das alles aufzugeben."
Im vergangenen Sommer gab es schließlich noch einige ausgewählte Gigs, u.a. einen Auftritt beim "Lovebox"-Event, das Caro und Findlay kuratierten. Der gigantische Open-Air-Weekender im Victoria Park in Hackney unterschied sich zwar wesentlich von der Kult-Clubnacht, aus der er hervor gegangen war, aber der ungebremste Innovationsgeist war derselbe. "Wir hatten eine ziemlich gute Live-Version von "I See You Baby" gemacht, die sich ziemlich von dem Fatboy-Slim-Remix aus der der Renault-Werbung unterscheidet", erinnert sich Findlay. "Es enthält ein fettes Gitarren-Loop - komplett anders die eher ?undergroundige' Version, die auf dem [1999er Album] ?Vertigo' war. Das ?Greatest Hits'-Album und diese Shows halfen uns, endgültig einen Schlussstrich unter die Sachen zu ziehen, die wir davor gemacht haben. Außerdem war es für uns eine Art Verjüngungskur."
Es folgten weitere Stimmungs-Boosts: Nach einigem Hin- und Her mit diversen Plattenfirmen fanden sich Groove Armada letztendlich bei einem richtigen, großen Label wieder, verspürten vernünftigem Support und kreativem Input eines intelligenten A&R-Mannes. Cato produzierte Musik mit seinem Sideproject Rising 5 und Findlay ging mit seiner anderen Band Sugardaddy auf Tour. Daneben legten beide noch in Clubs auf. Andy Cato zog nach Barcelona, während Tom Findlay in Nordlondon blieb. "Das hat unsere Arbeitsprozesse ziemlich durcheinander gewirbelt", erklärt Cato.
Nach all den Jahren, in denen die beiden quasi Wange-an-Stoppelbart in verschwitzten kleinen Zimmern herum gesessen, geraucht, getrunken und nachgedacht hatten, für Findlay ein durchaus "befreiendes, neues Set-Up". Den neuen geographischen/mentalen/emotionalen Freiraum füllten Groove Armada alsbald mit allen möglichen Songideen, Sänger(inne)n und Musikstilen. Am Ende sollte sich jedoch herausstellen, dass nicht für alle Platz sein würde - die Idee, eine Doppel-CD nach dem Motto "Saturday Night/Sunday Morning" zu machen, wurde bald wieder verworfen.
An ihre Stelle trat noch eine viel bessere: Eine kompakte Zusammenfassung von fünfzehn Songs, die alle ineinanderfließen, wie ein selbstgemachtes Lieblings-Mixtape. Der Titel: "Soundboy Rock". Ursprünglich arbeiteten sie separat an den Stücken für ihr fünftes Studioalbum - Cato in Spanien, in einem Studio, das er auf den Namen "The Sweatbox" taufte, Findlay in einem Raum in seinem Keller in Hackney, dem er den Namen "The Tom Tom Club" gegeben hatte. Musikdateien wurde hin- und hergemailt, Ideen flogen nur so umher: Im Nu hatten die beiden neunzehn Tracks, überwiegend Instrumentals, beisammen.
Im vergangenen August reiste Cato nach New York, um die Parts mit einem wahren Dreamteam an Rappern und Sänger(inne)n aufzunehmen. Soulqueen Angie Stone saß mit dem Groove-Armada-Mann am Klavier, rauchte Kette und hauchte ihre Texte zu den knuffigen Beats von "Feel The Same As You". Zurück in Europa steuerte Rhymefest (ein Signing des Mark-Ronson-Labels "Allido Record") seine HipHop-Blockparty-Vibes zu dem Retro-Elektro-Funk-Track "The Girls Say" bei.
In London arbeitete Findlay derweil mit Mutya Buena und der Hit-Songschreiberin Karen Poole. Cato war über eine in Chicago ansässige Website, von der er viele seiner Vinylscheiben bezieht, auf die ehemalige Sugababes-Sängerin aufmerksam geworden - hatte allerdings keine Ahnung, wer sie war. Pool wurde als mögliche Kollaborationspartnerin vom neuen A&R-Mann ins Spiel gebracht. Findlay: "Das war eine komplett neue Sache. Wir dachten immer, wir sind Songwriter - wir brauchen niemand anderen." Cato: "Aber der Spirit auf diesem Album war definitiv ?Probieren geht über Studieren'. Wir haben nichts zu verlieren und niemanden etwas zu beweisen. Es ist immer gut, die Tür für neue Einflüsse offen zu halten." Das Ergebnis: "Song 4 Mutya" - ein großer, Jump-Around-Pop-Hit, der im bevorstehenden Sommer die Clubs und Radiohitlisten dominieren wird.
In Spanien lud Cato dann MAD - Stimme des Groove-Armada-Hits "Superstylin'", Live-MC der Band und bis dato auf jedem Album vertreten - ein, zu ein paar Platten zu improvisieren. Im Rahmen dieser Sessions brachte MAD den Begriff "Soundboy Rock" auf. In Catos Ohren klang das wie ein "klassischer Reggae Refrain", also nahm er seinen Bass zur Hand und bat Richard Archer (Hard Fi) an der Melodica dazu. Der Titeltrack, ein extrem entspannter Dub-Reggae-Track, markiert nun die Mitte des Albums.
Doch der "Soundboy-Buzz" war noch lange nicht zum Stillstand gekommen: Tony Allen, vormals Mitglied in Fela Kutis Band und aktuell im Line-Up von Damon Albarns The Good, The Bad And The Queen, bekundete sein Interesse, an dem Projekt mitzuwirken. Genau wie Candi Staton - die legendäre "You Got The Love"-Sängerin war bereits im Rahmen des "Lovebox"-Weekenders aufgetreten. Ihr kraftvoller Gesang und Allens behextes Schlagzeugspiel, dazu die Piano-Akkorde und Streicher, ergeben einen faszinierenden Effekt: Philly meets Pariser Soul-Klassizismus. Später gibt sich Candi noch ein weiteres Mal die Ehre: Auf dem Dancefloor-Knaller "Love Sweet Sound".
Nach vielen Monaten, Meilen und gemailten Mega-Files, fanden sich Findlay und Cato Ende 2006 in Barcelona für sechs intensive Zwanzig-Stunden-Wochen zusammen. Unter dem Einfluss unzähliger Kippen, Heineken-Biere und Pizzen brachten sie das vielteilige Album allmählich in Form. Weitere Kollaborationspartner reihten sich in die illustre Gesellschaft ein: Simon Lord von Simian Mobile Disco sang auf "Things That We Could Share", Alan Donohoe (The Rakes) ist auf dem wundervollen "See What You Get" zu hören. Der in Wales lebende Amerikaner Jeb Loy Nichols croont folky auf "What's Your Version?", während Findlays Sugardaddy-Partner Tim Hutton den Refrain beisteuert. Der angesagte Newcomer Jack McManus - seit kurzem mit einem eigenen Plattenvertrag ausgestattet - bereichert die bleepigen Soundfiguren von "From The Rooftops" mit seinem spacigen Gesang (man stelle sich in etwa vor, Erik Satie hätte den Soundtrack zu "2001: A Space Odysee" gemacht).
Doch allen voran kommt "Get Down", die erste Single-Auskopplung aus "Soundboy Rock". Das groovy Dancehall-House-Monster wird angetrieben von den roughen, rotzigen Vocals der Londoner MC-Dame Stush. Ein Song, der den "Stunde Null"-Vibe der Groove-Armada-Jungs auf den Punkt bringt. Cato: "Die Bassline-Figur für ?Get Down' war das Allererste, was ich für dieses Album gemacht habe. Wir wollten unbedingt etwas von der unglaublichen Energie unserer Liveshows auf der Platte haben, und das hier erschien mir ein brillanter Start zu sein."
Und trotzdem ist "Soundboy Rock" der Sound einer Band, die bereits zehn Jahre existiert. Es ist ein Album, auf dem es nur so von Ideen wimmelt und die mit einem Traum-Line-Up an Künstlern umgesetzt wurden. Es ist der eindrucksvolle Beleg für das Talent zweier genialer Visionäre, denen es scheinbar mit Leichtigkeit gelingt, verschiedenste Stil- und Genre-Elemente zu einem sinnstiftenden und funktionierenden Ganzen zu verbinden. Als bewährte DJs wissen Cato und Findlay, dass Kontext alles ist - dass der erhabenste Höhepunkt noch steigerbar ist, ist dass die sanftesten, zurück genommensten Momente einen mit unerwarteter Wucht umhauen können. Und wenn es gelingt, all diese Dinge auf ein einziges Album zu packen, hat man zweifellos etwas Großartiges geleistet: Man hat eine Platte erschaffen, zu der Menschen auf einem Feld vor transportablen Riesenboxen Pogo tanzen, auf dem Sofa rumhängen oder im Club abgehen können.
Tom Findlay: "Dancemusik ist in derzeit in einer Übergangsphase. Es ist eine hochinteressante Zeit, ob man jetzt Klaxons oder New Young Pony Club hört. Wir hatten das Gefühl, dass es genau die richtige Zeit ist, eine wirklich aufregende Platte zu machen, die sich aber gleichzeitig auch nicht zu ernst nimmt. Wir wollten möglichst viele Musikstile und Sänger(innen) darauf haben, und wir wollten, dass die Platte ?fließt'? Pop ist eine Lebenseinstellung, an die wir glauben. Und wir sind angetrieben von dem Gedanken, uns selbst immer wieder neu heraus zu fordern. Das sind die beiden Hauptmotive, die sich durch dieses Album ziehen." Andy Cato: "Die Attitüde auf diesem Album ist sehr geradlinig. Mit unserer mitreißenden Live-Show ziehen wir nun schon seit fast zehn Jahren um die Welt. Jetzt wollten wir diese Energie zum ersten Mal auf einer ganzen CD vereinen. ?Aggressiv' ist vielleicht nicht der richtige Begriff dafür, ich würde es eher ?draufgängerisch' nennen."

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