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Biographie

Er bezeichnet sich selbst als einen "soziologischen Komposthaufen", der 1948 in einem Vorort von Bad Reichenhall geborene Musikkabarettist Georg Ringsgwandl. Ende April wird er mit dem Sonderpreis des Bonner Kabarettpreises "Reif & Bekloppt" ausgezeichnet. Wenn jemand beide Eigenschaften in sich vereint, dann der gelernte Kardiologe, der seinen Beruf 1993 aufgibt - zugunsten einer Bühnenlaufbahn.
Den Grundstein dazu hat Ringsgwandl allerdings schon in frühen Jahren gelegt. Als Achtjähriger bekommt er eine Zither geschenkt, mit 14 lernt er Posaune. Weil er mit 18 Jahren an Tuberkulose erkrankt, ist es aus mit dem Blasinstrument. Stattdessen lernt er Gitarre spielen - was seinen Lungen wesentlich besser bekommt. Drei Jahre nach seiner Promotion 1975 hat der Mann seinen ersten abendfüllenden Bühnenauftritt. "Gurkenkönigs Hausfrauenshow" heißt das Programm, das ihm bis heute den Spitznamen Gurkenkönig eingetragen hat.
Tatsächlich schafft er es - man fragt sich, wie -, während seiner Arbeit als Oberarzt für Kardiologie und Intensivtherapie ein zweites abendfüllendes Programm auf die Beine zu stellen: die "luxuriöse Unterhaltung mit Dr. Muschnik". 1988 nimmt er den Deutschen Kleinkunstpreis entgegen. Ohne zu übertreiben, darf man wohl behaupten, dass es sich bei Ringsgwandl um den gründlichsten aller Menschen-Sezierer handelt.
In seinen Liedern beschreibt er "die verzweifelt kämpfende Kreatur mit erbarmungsloser Freude am entlarvenden Detail", heißt es in der Begründung der Jury des Prix Pantheon, die den Preis vergibt. Anders gesagt: Ringsgwandl guckt in die Vorgärten, beobachtet den Kleinbürger beim Grillen und Häuslebauen, treibt sich in der Münchener Schickimicki-Szene rum, beschreibt die frustrierte Galeristin und den abgehalfterten Möchtegern-Künstler. Ein erfolgloser Rockmusiker stand im Mittelpunkt der "Tankstelle der Verdammten", seiner "lausigen Operette", die am 30. Dezember 1994 mit Gerd Köster in der Hauptrolle Premiere in der Halle Kalk hatte und 60-mal vor ausverkauftem Haus gespielt, gesungen und gerockt wurde.
Wenn er selber - angetan mit einer weißblonden Perücke und höchst seltsamen Hutkreationen - Luftsprünge vollführend auf der Bühne steht und dabei seine Kopfstimme in die Höhe schraubt, könnte man meinen, ein außergewöhnlicher Vogel treibe hier sein Spiel mit dem Publikum. Und doch ist Ringsgwandl alles andere als abgehoben. Er schert sich weder um Moden noch Ideologien, sondern gehört zu denen, die das bayerische Idiom dazu benutzen, die Prototypen des Alltags in all ihren Ausformungen vorzustellen.
Sein Herz gehört den Gestörten und Desillusionierten, den Träumern und im Leben zu kurz Gekommenen. Sein Kosmos ist bevölkert von achtlos weggeworfenen Unterhoserln und affigen Designerbetten, von Einkaufswagenschiebern und Lebensmittelkontrolleuren, von Müll-Trennern und Hühnerärschen.
Kurz: von allem, was das ganze verrückte Leben so schön macht - nicht nur in Bayern.

MARIANNE KOLARIK

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