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Biographie

Ihre gesamte subversive Dynamik kann Popmusik (falls grundsätzlich erwünscht) in der Regel nur dann zur Gänze entfalten, wenn die potenziell umstürzlerischen Botschaften und finsteren Geschichten in einer zuckersüßen Verpackung verabreicht werden. Dies gilt für die Shangri-Las genauso wie für Rihanna. Kaum eine Band setzt das Arbeitsprinzip allerdings so beherzt und konsequent um wie das Duo Cults. Rein oberfläch betrachtet könnte man die Musik der beiden bisweilen als fast schon ungesund süß empfinden. Gar zu prachtvoll und catchy sind die Melodien, mit denen das hinreißende Pärchen Brian Oblivion und Madeline Follin seinen Girlgroup-inspirierten Bedroom-Pop veredelt. Doch macht man sich einmal die Mühe, ein wenig genauer hinzuhören, so eröffnet sich eine komplett neue Welt. So finden sich auf dem selbst betitelten Cults-Debütalbum Songs über Ängste aller Art, über Drogenmissbrauch, über die schier unerträglichen Leiden der Adoleszenz und die Schmerzen des Übergangs zum Erwachsensein. Und die bewegen Ansprachen, die geisterhaft hinter der Musik auftauchen? Sie stammen von einer handverlesenen Auswahl berüchtigter Kult- und Sekten-Führer?

"Eine Sache wird erst schön, wenn sie nicht nur hübsch ist, sondern irgendetwas daran nicht stimmt", fasst Brian das Motto der Band zusammen. "Unsere Musik ist einerseits flott und positiv, doch dahinter findet man Herz zerreißende Texte und Aussagen von Charles Manson, Patty Hearst, Jim Jones etc?. ich wollte Zitate von fürchterlichen Menschen haben, die schöne Dinge sagen. Das ist für mich die ultimative Schönheit: wenn eine Person, die so offensichtlich im Widerspruch zum dem steht, was man selbst für richtig hält, eine Aussage trifft, an der nichts auszusetzen ist."

Die Geschichte von Cults ist eine Aneinanderreihung glücklicher Begegnungen. Glück von jener Sorte, das einen ins Grübeln bringt, ob nicht vielleicht etwas weit Größeres - wie z.B. Schicksal - am Werk war. Wie anders ließe sich z.B. erklären, dass Madeleine gerade an jenem Abend in San Diego war, als die Band ihres Bruders auftrat - und dort Brian kennenlernte, der als Tourmanager fungierte. Oder die Tatsache, dass Madeline die Hälfte ihrer Sachen in San Francisco vergessen hatte, was Brian dazu brachte, ihr anzubieten, sie gemeinsam dort zu holen. Auf der Fahrt hatten die beiden ausreichend Gelegenheit, ihre Bekanntschaft zu intensivieren, u.a. durch den Abgleich ihrer iPod-Bibliotheken (von Lesley Gore über Jay-Z bis zu Justin Timberlake). Und wie anders ließe sich erklären, dass sowohl Madeline als auch Brian gerade auf dem Sprung nach New York waren, um dort Film zu studieren. Sie zogen dort in eine gemeinsame Wohnung und Brian hatte zum ersten Mal Gelegenheit, Madeline zu seinen Songs singen zu hören. "Ich nahm in unserem Apartment ein paar Demo-Vocals auf und Madeline sang dazu", erinnert er sich. "Ich dachte: ?Mann, das funktioniert'. Es war alles so einfach, ein absoluter Glücksfall."

Einerseits euphorisiert, andererseits aber auch extrem schüchtern hinsichtlich ihrer neuen Aufnahmen, stellten die beiden die Songs versuchsweise auf eine Bandcamp-Website. "Ich wollte sie eigentlich nicht mal unseren Freunden zeigen", erinnert sich Madeline. Glücklicherweise halten sich Freunde nicht immer an derlei Wünsche und die Tracks fanden den Weg zum Musikblog "Gorilla Vs Bear", der die unbekannten Demos postete - sehr zur Begeisterung seiner Leser. Ganz klar ein weiterer Fall von Schicksal. Doch damit nicht genug: "Gorilla Vs Bear" waren zufällig gerade im Begriff, unter dem Namen Forest Family Records ein eigenes Label zu gründen und auf der Suche nach unentdeckten neuen Bands, um die Sache zu launchen.

Anstatt also zu warten, bis sie alle Feinheiten ihrer Kunst perfekt beherrschten, erklärten sich Cults bereit, das Stück "Go Outside" sofort zu veröffentlichen. "Man kann einem Song das Leben aussaugen, wenn man versucht, ihn perfekt zu machen - und das wollten wir nicht", erklärt Brian. "Wir wollten, dass sich alles echt anhört. Ich habe keinen Schimmer, wie man aufnimmt und es war das erste Mal, dass wir zusammen gespielt haben. Es war kein Versuch, ?lo-fi' zu klingen oder uns hinter einer Art ?Lo-Fi-Ästhetik' zu verstecken - wir konnten es ganz einfach nicht besser."

Anstatt in der Folge ihre sensationelle Indie-Blog-Popularität zu befeuern und weitere neue Tracks zu posten, beschloss das Duo, ein komplettes Album bei einer größeren Plattenfirma zu veröffentlichen. Sie unterschrieben einen Deal beim neuen Sony-Label ITNO, das von Lily Allen ins Leben gerufen worden war. Wie bereits ihre ursprünglichen Demos produzierten die beiden die Songs des Albums selbst - mit etwas technischer Unterstützung des Engineers Shane Stoneback (Sleigh Bells, Vampire Weekend, M.I.A.). Ihr großes Faible für Hiphop kommt u.a. durch die Verwendung repetitiver Partikel zum Ausdruck. "Wir wollten, dass die Melodie das Element ist, das die Monotonie der Songs durchbricht", erläutert Brian. "In dieser Hinsicht sind einige unserer Songs gar nicht so weit weg von frühen Wu Tang-Sachen, auf denen sie alte Soul-Platten gesampelt haben."

Dass all dies innerhalb eines Jahres passierte, sagt viel über ihren Sinn für Spontanität aus. Die Tatsache, dass die meisten Menschen überhaupt nichts über sie wussten, als sie ihre Musik zum ersten Mal hörten, entpuppte sich dabei durchaus als Vorteil. Überhaupt ist das Duo der Ansicht, dass das Mysteriöse und die Faszination schon viel zu lange aus dem Rock'n'Roll verschwunden sind.

"Bands sind heutzutage schon viel zu geschickt, wenn es darum geht, sich selbst zu promoten", sagt Brain. "Das macht die Musik irgendwie billig. Es ist wie Coca Cola oder irgendeine andere Marke. Es gibt nichts mehr, über das man nachdenken muss oder auf das man neugierig sein kann. Alles ist schon an seinem Platz - man kann es einfach konsumieren und danach wegwerfen."

Das bedeutet allerdings nicht, dass Cults keine Stories zu bieten hätten. Um ehrlich zu sein: genau das Gegenteil ist der Fall. Bevor sich die beiden trafen, hatte Madeline bereits einen Haufen Anekdoten-taugliches Rock'n'Roll-Material angehäuft, der eigentlich für ein ganzes Leben ausreicht. Während sich Brian seit seinem 13. Lebensjahr in einer Band nach der anderen abrackerte - darunter in zentraler Rolle bei einer Slayer-Coverband - sang Madeline bereits im Alter von acht Jahren auf Hardcore-Punk-Stücken und fand sich auf Platten neben Dee Dee Ramone wieder.

"Meinem Stiefvater gehört ein Studio und als er mich einmal singen hörte, fragte er mich, ob ich nicht einen Adolescents-Song für ihn einsingen könnte", erinnert sie sich. "Ich war danach wie berauscht und sagte: ?Ich will noch eins singen!' und wir machten letzten Endes fünf oder sechs. Dee Dee spielte Bass und sang auf einem Song auf der gleichen Platte oder so. Für mich war das keine große Sache, Dee Dee war einfach nur einer der Freunde meines Stiefvaters."

Eine wesentlich größere Sache war allerdings das Angebot eines US-Labels, dass Madeline einen Drei-Alben-Deal anbot ("Ich denke, sie wollten aus mir die nächste Ke$ha machen", lacht sie). Möglicherweise zu ihrem Glück entschied ihr Stiefvater, dass es wohl nicht der beste Move sei, im Alter von acht Jahren ihr Leben weg-zu-signen. Und wer weiß, möglicherweise haben jene subversiven Machenschaften in ihrer Kindheit Einfluss auf ihre heutige Befindlichkeit gehabt, wo eine ältere und weisere Madeline lieblichst zu den Worten berüchtigter Irrer singt? Wie auch immer. Die Band möchte in jedem Fall klarstellen, dass hinter der gewagten Kombination durchaus mehr steckt als simple Schock-Taktik.

"Viele unserer Songs handeln davon, was wir gerade durch machen - die Angst vor dem Erwachsenwerden und die Konfrontation mit den dadurch verbundenen Verantwortungen", sagt Brian. "Und auf gewisse Art und Weise ist es genau diese Angst, die die Menschen dazu treibt, sich einem Kult oder einer Sekte anzuschließen und damit dem allgemeinen Wettbewerb und Erfolgsstreben zu entfliehen, um Teil eines größeren Ganzen, Gemeinschaftlichen zu werden. Auch wir wollen unser eigenes Leben leben, nach unseren eigenen Zeitmaßstäben und Erwartungen. Möglicherweise ist unsere Band so etwas wie unser eigener Kult.

Lass dich einsaugen und sie könnte auch zu deinem werden.

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