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Biographie

Für die meisten Sängerinnen im Jazzbereich und darüber hinaus heißt es an irgendeinem Punkt in ihrer Karriere, dass sie sich mit dem überragenden und allgegenwärtigen Schatten von Billie Holiday auseinandersetzen müssen. Einige zollen dieser Frau, die der Jazz-Tradition ihre zarte Intimität und die grundlegende Melancholie verliehen hat, Tribut mit einem gut ausgewählten Cover während eines Konzertes. Andere nehmen einen bestimmten Titel neu auf. Und wieder andere verbeugen sich vor der Legende, indem sie ein komplettes Album aufnehmen, das die Musik und den Geist von "Lady Day" auf frische und kreative Weise neu aufleben lässt. Genau so hat es die amerikanische Jazz-Sängerin, Songschreiberin und Produzentin Cassandra Wilson aus Jackson, Mississippi getan, die für ihre aufregende und einzigartige Mischung aus Jazz, Roots Blues, Country und Rock bekannt ist. Coming Forth By Day heißt das neueste Werk in Wilsons beeindruckendem Repertoire, das insgesamt neunzehn Alben umfasst; das Aktuelle ist das erste Album für Legacy Recordings/Sony Music Entertainment.

Für eine Künstlerin, die von Musikjournalisten für ihren Einfluss auf eine neue Generation von Sängerinnen mit "rauchigen Stimmen" und einer "gewissen Rauheit" (wie Neil Tesser kürzlich schrieb) gelobt wurde, ist Cassandra sich erstaunlich bewusst, wie sehr sie selbst in der Tradition von Künstlerinnen steht, deren Ursprünge bei Billie Holiday liegen. "Ich bin Teil dieser Tradition", gesteht Wilson. "Ich bin über Abbey Lincoln zu Billie gekommen. Ich weiß, dass ich in dieser Reihe von Künstlerinnen stehe, aber ich kenne mich auch selbst gut." Und trotz der Vielzahl an Sängerinnen, die Billies Musik interpretiert haben, "habe ich mich nie eingeschüchtert gefühlt. Ich habe immer nur die Herausforderung gesehen, und das war richtig so", fügt sie hinzu. "Ich habe mir absichtlich nicht all die anderen Tribut-Versionen angehört, weil mein Ansatz einzigartig ist und ich diesen am besten verfolge, wenn ich mich ganz darauf konzentriere."

Coming Forth By Day kam durch einen Vorschlag ihres langjährigen Freundes Bruce Lundvall, dem ehemaligen Labelchef von Blue Note, zustande. "Bruce war schon immer der mit den Ideen und er war so wichtig bei vielen Entscheidungen, die ich für meine Musik getroffen habe. Vor zwei Jahren erzählte er mir von der Idee eines Billie-Holiday-Projekts, und dass sie 2015 ihren 100. Geburtstag feiern würde. Er war immer eine große Unterstützung für mich."

Der zweite Vorschlag, der Coming Forth By Day maßgeblich formte, kam von Wilsons Manager Ed Gerrard: seine Idee war es, mit einem Produzenten zu arbeiten, dessen lange Geschichte im Rock und Pop (Nick Cave & the Bad Seeds, Arcade Fire, Public Image, Ltd.) Kultalben hervorgebracht hat, die sich eine Rauheit und Düsterheit bewahrt haben.

"Nick Launay ist Nick Caves langjähriger Produzent und ich habe mich im ersten Augenblick in ihn verliebt", erinnert sich Wilson. "Ich erkannte sofort, dass er ein tiefgreifendes Verständnis für Musik und ihren Einfluss auf die Psyche hat, und dass er nicht nur auf einen Stil oder eine Vorstellung festgelegt ist. Ich wusste, dass ich auf seine Flexibilität und Offenheit vertrauen konnte. Ich brauche das, weil ich bei meinen eigenen Aufnahmen eher eine Nicht-Produzentin bin. Ich muss diejenige sein, die alles an die richtige Stelle bringt, dann einen Schritt zurückgehen und den Rest den Umständen oder dem Schicksal überlassen. Nick versteht das. Er merkt sich alles, jede Nuance jedes Songs, den wir zusammen gemacht haben. Das macht einen großartigen Produzenten aus und so sind die Songs entstanden."

Jeder Musikliebhaber - egal ob jazz-orientiert oder nicht - muss Coming Forth By Day nur einmal anhören, um zu erkennen, dass Wilsons Vision für dieses Projekt weit über eine einfache Neuaufnahme von Holidays lieblichem Gesang hinausgeht. Jeder Titel des Albums entstand mit einem wesentlich zeitgemäßeren Ansatz, bei dem zahlreiche Musikexperten ihren Beitrag leisteten. Vertreten auf dem Album ist eine unerwartete, aber sorgsam ausgewählte Mischung von musikalischen Talenten, darunter Schlagzeuger Thomas Wydler und Bassist Martyn P. Casey von The Bad Seeds, sowie die Gitarristen T. Bone Burnett und Nick Zinner von den Yeah, Yeah, Yeahs. Verantwortlich für die Streicher ist der herausragende Arrangeur Van Dyke Parks; außerdem hat Wilson noch zwei langjährige Wegbegleiter mit eingebracht: den Pianisten Jon Cowherd und den Gitarristen Kevin Breit. Abgerundet wird das Ensemble vom Saxofonisten Robby Marshall aus LA.

"Ich begann mit einer Liste von Songs, die mir die Autorin und Musikhistorikerin LaShonda Barnett zur Verfügung gestellt hat", sagt Wilson. "Ich sah sie durch und einige Stücke fielen mir direkt ins Auge, weil sie zu der Geschichte passten, die ich auf dem Album erzählen wollte. Ich wollte, dass alle Songs sich von ihrer Tonart, ihrem Ansatz und ihrer Perspektive her voneinander unterscheiden." Wilson betont, dass der Ursprung für jeden Songansatz oft zufällig kam und sich die Musik dann ganz natürlich entwickelte.

"Nick und ich besprachen das Material immer am Abend bevor wir es aufnahmen. Wir arbeiteten die Tonart aus, setzten die Rahmenbedingungen fest und am Tag der Aufnahme kamen dann die Jungs dazu und irgendwas ist einfach immer passiert. Manchmal führte Kevin alles an und fand das passende Gefühl für einen bestimmten Song, das wir dann alle mochten und von dem Punkt aus weiter verfolgten; manchmal kam Marty mit einer Bassline und dann probierte Thomas verschiedene Rhythmen dazu aus und das ganze nahm von diesem Punkt an Formen an. Und manchmal weiß ich gar nicht mehr, wie es passierte, und ich weiß nicht mehr, was wir genau dachten, aber ich schätze, dass jeder Song auf eine verrückte Art anfing und dass wir jede Entwicklung bis zu einem ähnlichen Moment zurückverfolgen könnten. Plötzlich hatten wir einen völlig neuen Ansatz, einen Song zu spielen, den jeder kennt. Es lag wirklich daran, dass die Musiker miteinander abhängen, rumspielen, einfach nur albern oder schamlos sein konnten. Sie konnten sich aufeinander verlassen und die Musik floss einfach."

Im einzigen Originalsong des Albums besingt Wilson das tragische Ende einer der legendären Beziehungen von Billie Holiday. "Der Song beruht auf ihren Gefühlen, als ihr musikalischer Seelenverwandter Lester Young starb. Er war es, der ihr den Namen Lady Day gab. Sie hatte nach einem Streit nicht mehr die Möglichkeit, ihre Freundschaft wieder zu kitten, und sie durfte nicht auf seiner Beerdigung singen, was sie natürlich völlig aus der Bahn warf. Es war einfach nicht ihre Vorstellung von einem Abschied, und so vertont der Song das, was sie persönlich nicht sagen konnte."

Für Wilson ging es mehr darum, den Geist von Billie Holiday wieder aufleben zu lassen, als nur ihre legendäre Musik. Das führte auch zur Auswahl des Albumtitels. "Die Worte ?Coming Forth By Day' sind eine sinngemäße Übersetzung des Originaltitels des Altägyptischen Totenbuchs. Die Idee war es, ihr Wesen zu finden, das heilige Innere ihres Geistes und diesen durch unseren Ansatz an ihre Songs hervorzubringen. Das Buch Coming Forth By Day beinhaltet Beschwörungsformeln - musikalische Zaubersprüche - die dem Geist der Verstorbenen durch das Leben nach dem Tod helfen sollten, um wieder physisch auferstehen zu können. Und ich hatte das Gefühl, dass wir genau das taten: Billie in eine neue Zeit zurückzubringen und ihrer Musik eine frische, für das 21. Jahrhundert taugliche Note zu verleihen. Ich glaube fest daran, dass sie verstehen würde, was wir getan haben, wenn sie heute hier wäre. Und ich bin überzeugt davon, dass sie nicht gewollt hätte, dass jemand ihre Songs genau so singt, wie sie selbst es 1941 oder '51 getan hat."

Mit einer kleinen Anekdote über ein Foto, das sie im Besitz ihrer Familie in Mississippi gefunden hat, erzählt Wilson mehr über ihre Verbundenheit mit Billie Holiday:

"Ich denke, dass ich erstmals über den Song ?God Bless the Child' auf Billie aufmerksam wurde, und meine Mutter zitierte die berühmte Zeile - ?you can take what you want but don't take too much' (du kannst nehmen, was du willst, aber nimm nicht zu viel) - fast jeden Tag meines erwachsenen Lebens. Ich erinnere mich, als ich aufwuchs, war mein Vater verrückt nach Ella Fitzgerald und er liebte Nancy Wilson und natürlich Sarah Vaughan, aber ich fragte mich oft, warum bei uns zuhause niemals Billie Holiday lief. Auch meine Mutter sprach nicht viel von ihr. Im Rückblick habe ich erkannt, dass bei all den Geschichten, die um Billies Leben kreisten, all den Tragödien, die wir von ihr kannten, meine Mutter mich vermutlich einfach nur schützen wollten.

Und so war ich sehr überrascht, als ich eines Tages in einem alten Familienalbum blätterte und ein Foto von einer Frau fand, die wie Billie Holiday aussah. Ich fragte danach und es stellte sich heraus, dass es tatsächlich ein Foto von ihr war, aufgenommen mit meiner Tante auf einer Party in Chicago - meine Tante Eleanor ist auf einer Seite zu sehen, eine Freundin auf der anderen, und Billie hat diesen unglaublich komplexen Ausdruck in ihrem Gesicht. Ich starrte auf das Foto und dachte, ?OK, jetzt verstehe ich, das ist Billie Holiday'. Ihrem Lächeln und ihrer Körpersprache zufolge sieht es so aus, als würde sie sich amüsieren, und trotzdem ist da so wenig Emotion in ihrem Gesicht. Sie fühlt sich wohl mit den Menschen um sich herum, und gleichzeitig ist sie zu Tode gelangweilt. Genau wie in ihrer Musik - sie konnte mit so wenig so viel sagen, sie ließ dich herein und hielt dich gleichzeitig auf Abstand. Das war schon etwas."
Auch Wilsons eigener Werdegang sagt viel über ihre Fähigkeit aus, ein musikalisches Tribut von derartiger Originalität abzuliefern. Im Alter von sechs Jahren begann sie mit dem Klavierspielen, mit zwölf kam die Gitarre dazu und Mitte der 70er Jahre arbeitete sie schon mit großem Repertoire als Sängerin. Nach ihrem Umzug nach New York in den frühen 80er Jahren traf Cassandra den Saxophonisten Steve Coleman und wurde eines der Gründungsmitglieder des M-Base Collective. Nach ihrem Abstecher mit M-Base wollte Cassandra eine akustischere Richtung einschlagen und ging 1992 bei Blue Note Records unter Vertrag, wo sie ihr richtungsweisendes Album ?Blue Light 'Til Dawn' veröffentlichte. Dieses Album ebnete den Weg für eine ganze Generation von Jazz-Sängern, die auf der Suche nach einem neuen Ansatz und einem Repertoire waren, das über das American Standard Songbook hinausging.
In den Jahren seit ?Blue Light 'Til Dawn,' hat Wilson weiterhin neue und innovative Wege gefunden, Vintage Blues, Country und Folk mit Jazz zu kombinieren, und dabei hochrangige Preise gewonnen, darunter zwei Grammys, der Django D'Or und den Edison Music Award; außerdem wurde ihr Name dem Mississippi Blues Trail hinzugefügt. Sie hat eine Hauptrolle in Wynton Marsalis Oratorium ?Blood on the Fields' gespielt, das als erstes Jazz-Stück einen Pulitzerpreis gewann. Wie der Kritiker Gary Giddins einmal schrieb, ist Wilson "eine Sängerin mit unverwechselbarem Timbre, die das Spielfeld erweitert hat." Coming Forth By Day wird Wilsons Ruf als eine der herausragendsten Stimmen der heutigen Musikszene noch weiter festigen, sowohl im Jazz-Bereich als auch darüber hinaus.

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