Skip to main content

Biographie

Einfach war es nicht: Beinahe vier Jahre ist es her, dass mit "Hinterland" das bislang letzte Casper-Album erschienen war. Der Nachfolger "Lang lebe der Tod" wurde verschoben, verfeinert und vermutlich auch mal verflucht. Jetzt aber steht fest: Casper hat der vielleicht schwierigsten Phase in seinem Leben ein echtes Großwerk entrissen, das anders ist als seine bisherigen - und trotzdem mindestens genauso gut. Ein Triumph.

Das Schlüsselwort der vergangenen Jahre: Angst. Alle scheinen immerzu Angst zu haben, und so sind natürlich auch nahezu alle gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen dieser Zeit eng mit dem Begriff Angst verknüpft: Angst vor zu vielen Geflüchteten, Angst vor Armut, Angst vor der Digitalisierung, Angst vor dem Alter. Angst vor allem und jedem und davor, dass es nicht immer so sein wird, wie es einmal war.

Das neue und insgesamt vierte Casper-Album, welches am 1. September 2017 erscheint, heißt "Lang lebe der Tod". Und weil die Angst vor dem Sterben die Urangst schlechthin ist, nimmt er die Angst also gleich im Titel auf die Schippe. Dabei hat auch Casper Angst, so wie wir alle. Und zwar vor allem: Angst, dass seine Musik nicht gut genug oder nicht verstanden werden könnte. "Ich frage mich immer, ob mein hoher Anspruch, mit dem ich Musik höre und machen will, einmal scheitern könnte", sagt er. Wir werden später in diesem Text erklären, dass es für diese Angst aktuell keinen Grund mehr gibt, leicht war der Weg dorthin allerdings nicht.

"Lang lebe der Tod" sollte schon einmal erscheinen, vor ziemlich genau einem Jahr. Damals war der Titelsong als erste Single veröffentlicht worden und es war einer der besten Songs dieser Karriere. Ein sequenzergetriebenes Industrial-Rap-Monster, das mit Sizarr, Dagobert und - ein echter Scoop! - Blixa Bargeld genau die richtigen Gäste präsentierte. "Lang lebe der Tod" legte die Latte für das vierte Casper-Album ziemlich hoch und irgendwann stellte er fest: Der Rest ist noch nicht ganz auf dem Niveau.

"Ich wollte mit diesem Album unbequeme Musik für unbequeme Zeiten machen", sagt Casper, "es sollte wirr sein und schwer zu verfolgen. Gerne auch ein bisschen kaputt, aber irgendwie fehlte damals noch etwas." Es ging weniger um die Musik, sondern eher um die Themen des Albums. Und weil Casper kein Mann für Kompromisse ist, entschied er sich, ins Studio zurückzukehren. Denn natürlich brauchen besondere Songs ihre Zeit, es geht hier immer noch um Kunst.

Casper ist der große Erneuerer in einer Zeit, in der HipHop aus Deutschland ohnehin so aufregend und vielseitig ist wie noch nie. Mit seinem zweiten Album "XOXO" hat er das Lebensgefühl einer ganzen Generation getroffen, mit dem Nachfolger "Hinterland" die Grenzen dessen, was HipHop sein kann, erweitert. Eine Innovationsleistung, die mit Platinalben und ausverkauften Tourneen belohnt wurde.

Seit dem Debüt "Hin zur Sonne" gab es also immer nur eine Richtung: Bergauf. Tour auf Tour, Album auf Album, Festivals, tausend Sachen, weiter, immer weiter. Die vergangenen Jahre waren wie ein einziger Rausch, aber sie waren auch anstrengend. Und als er dann im vergangenen Herbst weitermachen wollte, war da plötzlich diese Müdigkeit. "In alten Zeichentrickfilmen laufen die Figuren immer Vollgas über den Rand einer Schlucht hinaus", sagt er. "Erst in dem Moment, wo sie nach unten gucken, stürzen sie wirklich ab. Vorher laufen sie in der Luft, sie bleiben auf einem Punkt stehen. So ging es mir."

Nun ist Casper nicht abgestürzt. Aber innehalten und neue Kraft schöpfen, das musste er schon.

Monatelang hat er sich danach zurückgezogen und gemeinsam mit Markus Ganter, der bereits "Hinterland" produziert hatte, getüftelt und geschrieben, aufgenommen und verworfen, Lines verfeinert und Beats kreiert. Denn eins war klar: Wiederholt werden sollte hier bitte schön gar nichts. Das war zu jeder Zeit die Maxime eines Mannes, der auf seinen bisherigen drei Alben stets neue musikalische Welten kreiert hatte. Inoffizielle Grundregel: Immer wenn die Charts so klingen wie das jeweils letzte Casper-Album, ist er schon wieder ganz woanders.

"Die Trilogie war abgeschlossen", sagt er. "?Hin zur Sonne? handelt von meiner Jugend in Bielefeld, ?XOXO? ist mein großes persönliches Album, ?Hinterland? die Coming-of-Age-Erzählung, die eigentlich zwischen die anderen beiden Alben gehört. Mit dieser Trilogie habe ich das Wichtigste aus meinem Leben erzählt, aber jetzt musste etwas Anderes kommen." Nun gehört Casper nicht zu den Leuten, die so etwas einfach daher sagen. Er verbeißt sich in seine Themen, weil er sie spüren muss, um ihnen Wahrhaftigkeit abringen zu können.

Ein typischer Arbeitstag in den letzten anderthalb Jahren sah deshalb so aus: Halb neun aufstehen, ein bisschen an den Texten arbeiten, ab zwei Uhr nachmittags ins Studio, nachts um zwei wieder nach Hause, dann noch mal Feinarbeit an den Texten bis in die frühen Morgenstunden. "Eine Weile lang bin ich nicht so richtig weitergekommen beim Texten", sagt er über diese Zeit. "Was will ich eigentlich sagen und vor allem: wem? Die Gelassenheit war weg."

Klar ist ja folgendes: Wenn überhaupt, dann trifft man den Zeitgeist und die Gefühle einer Generation nur zufällig, so etwas kann man nicht planen. So ist "Lang lebe der Tod" zwar in einem Kraftakt, aber zwischen den normalen Dingen des Lebens entstanden. Keine andere Stadt, kein exotisches Studio. Nur ab und zu fuhren Produzent Ganter und Casper einige Tage aufs Land und einmal auch nach Los Angeles.

So ging das mehrere Monate, ehe sich die Dinge im Februar 2017 sortierten und das Album begann, in seiner heutigen Form Gestalt anzunehmen. Mit "Hinterland" hat er das Leben umarmt, den Aufbruch und die Suche. Nun begibt sich Casper in die Dunkelheit und umarmt den Tod, aber natürlich nicht nur das: Der Tod wird bei ihm zu einer Metapher für das Leben, das wir führen. "Lang lebe der Tod" wartet mit zahlreichen musikalischen Überraschungen auf, präsentiert ebenso unerwartete wie sensationelle Feature-Gäste, und vor allem: einen Casper, der sich ein weiteres Mal hinterfragt hat und dabei zu ganz neuen und aufregenden Antworten gekommen ist.

Das Album beginnt, wie es heißt. Geschrieben hat er den Song "Lang lebe der Tod" unter den Eindrücken der jüngsten Anschläge und Amokläufe. "Es gab dieses eine Video", erinnert er sich. "Da lag jemand mit einer Schusswunde auf dem Bauch und wurde behandelt. Und der Typ, der ihn gefilmt hat, forderte ihn doch tatsächlich auf, in die Kamera zu gucken." Die ultimative Zuspitzung der Sensationsgier und Inszenierungssucht unserer Zeit. "Das wollen die Leute sehen", sagt Casper. Der Tod als ultimativer Nervenkitzel, das letzte große Entertainment für eine abgestumpfte, moralisch verrohte Gesellschaft? "Generell funktioniert nur noch die totale Grenzüberschreitung, der größtmögliche Skandal. Ich glaube, dass wir uns erst am Anfang der Ekelspirale befinden", sagt Casper.

"Alles ist erleuchtet" zitiert Warhol und David Foster-Wallace, vereint den alten mit dem neuen Casper, ist ein Instant-Hit mit mächtigen Chören, den man, einmal gehört, nicht mehr vergisst - und endet mit einem markant gesprochenen Outro des kalifornischen Rappers Lil B. Nicht nur hier gelingt Casper zu gleichen Teilen präzise Zeitgeistdiagnostik wie Zivilisationskritik. Es geht auf diesem Album immer ums Ganze, um Selbstbehauptung, die Schattenseiten des Ruhms, oder - im Wutbürger- und Verschwörungstheoretikersong "Morgellon" - um parallele Existenzen einander verfeindeter Gruppen in den Echokammern des Internets, die voneinander nichts mehr mitbekommen und immer nur das lesen, was sie in ihrer Meinung bestärkt.

Insofern hat sich jede Sekunde des Zweifels, des Haderns und der harten Arbeit an diesem Album gelohnt. Casper hat das Politische im Privaten gefunden und andersrum. Und ohne die dunklen Tage dazwischen hätte er den Zeitgeist vermutlich nicht so genau auf den Punkt erwischt. Eins aber ist ihm wichtig: "Es geht mir nicht darum, mit erhobenem Zeigefinger Dinge zu denunzieren, sondern ich will diese Orwell-Welt beschreiben, in die wir uns immer mehr bewegen, und sei es mit den Mitteln der Übertreibung."

Es geht um unsere Ängste und die der anderen, um innere Zerrissenheit und Unsicherheit. Und über all diesen Songs thront Casper als ein Alarmist kurz vorm Überschnappen, eine Stimme, die bisweilen am Rande des Wahnsinns oszilliert und dann wieder ganz sanft Trost spendet. Und so ist ihm am Ende tatsächlich genau das gelungen, was er von Anfang an vorhatte, ohne damals schon die Worte dafür zu haben: Heftige Musik für heftige Zeiten.

Casper hat Nine Inch Nails gehört, die Krupps, KMFDM, Alien Sex Fiend und die Einstürzenden Neubauten. In anderen Phasen hat der Hardcore-Sozialisierte sein Herz für Deutschpunk wiederentdeckt, am nächsten Tag Drake und Kanye gefeiert und kurz danach die DJ Helena Hauff. Am Ende ist "Lang lebe der Tod" ohnehin ganz klar Post-Genre: Der leidenschaftliche Musikfreak Casper war schon immer zu offen und vielseitig orientiert, um sich musikalisch zu beschränken, diese Zeit der offenen Grenzen ist insofern seine Zeit. Und am Ende ist es ohnehin alles Casper-Musik, unter seiner Hand fließt alles zusammen, wird alles eins.

Neben den Genannten gibt es weitere Gäste und helfende Hände auf diesem Album: Portugal The Man gastieren ebenso wie der alte Freund Ahzumjot auf "Lass sie gehen", "Drangsal" ist bei der ersten Single "Keine Angst" dabei, abermals Portugal The Man sowie Silkersoft koproduzierten einzelne Passagen und natürlich halfen einige Musiker. Vor allem aber ist "Lang lebe der Tod" das gemeinsame Werk von Casper und seinem Produzenten Markus Ganter, der auch die meisten Instrumente im Alleingang einspielte.

Der düstersten Phase während der Produktion wendet sich Casper im letzten Drittel des Albums zu. Und weil es ihm hier wie in all seinen besten Texten gelingt, aus seinen inneren Kämpfen ein universell gültiges Moment zu kreieren, wird das geisterhaft verrauschte "Deborah" zu einem der besten Lieder über Depression, die in deutscher Sprache bislang geschrieben worden sind. Ähnlich wie im folgenden "Meine Kündigung" singt er hier mehr als das er rappt, am Ende klingt er wie unter Wasser.

Aber untergegangen ist er nicht, im Gegenteil: Casper hat dieser vielleicht schwierigsten Phase in seinem Leben mit "Lang lebe der Tod" ein auf eine ganz andere Weise persönliches und wahrhaftiges Album entrissen, als das die bisherigen waren. Warum das alles sein musste und was ihn antreibt, erklärt er am Ende in dem vielleicht besten Song auf diesem Album: "Flackern, Flimmern" ist ein kontinuierlich an- und abschwellendes Epos, das sich schließlich in ein rasendes Inferno steigert. Im Prinzip ein Liebeslied, aber eins, das so viel mehr sagt als die meisten anderen: Die Dämonen sind unter uns. Wir müssen uns ihnen stellen. Manchmal gelingt es uns, sie zu bändigen, manchmal nicht. Der letzte Satz auf diesem Album lautet: "Blitz und Gewitter, die Wölfe kratzen an der Tür".

Es kann niemals bleiben wie es ist und wenn es so bliebe, würde es langweilig. "Wenn die Leute verstünden, worum es mir mit diesem Album geht, wäre das schön", sagt Casper. Lang lebe der Tod!

Artikel zu Casper


Newsletter

DEMO