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Biographie

Biografie FRANK FARIAN:

Frank Farian (voc, prod, electronics, g), bürgerlich: Franz Reuther, am 18. Juli 1941 in Kirn an der Nahe, Rheinland-Pfalz, geboren, war mit rund 800 Millionen verkauften Tonträgern und etwa 800 Gold- und Platin-Trophäen "der erfolgreichste Pop-Produzent Deutschlands" ("Die Welt"). Die von ihm erfundene und produzierte Gruppe Boney M. verbuchte zwischen 1975 und 1988 38 Top-Ten-Hits in Deutschland, davon 15 Nummer-eins-Platzierungen, und 22 Top-Ten-Hits in England, davon fünfmal die Nummer eins. 1978 wurde er ins Guinness-Buch der Rekorde eingetragen: Die Boney M.-Single Mary's Boychild war in England an einem Tag 175 000-mal verkauft worden - Weltrekord. In den USA wurde Boney M. (mit dem Song Rivers Of Babylon) allerdings nur ein einziges Mal in "Billboard's" Top 40 notiert.

Dafür war die Aufmerksamkeit, die Farian 1989/90 mit dem Duo Milli Vanilli in den US-Medien erzielte, umso spektakulärer. Nachdem die Single Girl You Know It's True, Nummer eins in den US-Pop-Charts, Milli Vanilli einen Grammy als beste Newcomer eingetragen hatte, stellte sich heraus, dass keiner der beiden Vanillis Robert Pilatus und Fabrice Morvan bei der Aufnahme gesungen hatte. Sie waren als ausgebildete Tänzer lediglich Live-Darsteller für Frank Farians Studiostimme. Der Produzent musste den Grammy zurückgeben, doch der Skandal brachte dem cleveren Täuscher auch den Respekt von einschlägigen Insidern ein. Farian wurde in einem Atemzug mit dem berühmten Kunstfälscher Elmyr de Hory (dem Orson Welles den Film "F for Fake" gewidmet hatte) und dem Schriftsteller Clifford Irving genannt, der die amerikanische Verlagswelt mit den gefälschten Memoiren des Milliardärs Howard Hughes narrte. Alle drei besaßen zeitweise Häuser auf der Mittelmeerinsel Ibiza, Frank Farian sogar eine Yacht.

Sein Vater, ein Feinkürschner, war, als der Junge ein Jahr alt war, im Zweiten Weltkrieg bei Smolensk in Russland gefallen. Seine Mutter Cilli hatte Mühe, ihn und die beiden älteren Geschwister Hertha und Heinz durchzubringen. Mit 14 begann er eine Lehre als Koch. Vom Rock 'n' Roll aus dem US-Armeesender AFN infiziert, kaufte er sich eine Gitarre und bald darauf von seinen Ersparnissen - 10000 Mark - das Equipment für eine komplette Band, die es noch nicht gab. In grünen Brokatanzügen und mit roten Masken tingelten Frankie und die Schatten alsdann durch das Saarland. 1963 ließ Farian 1000 Exemplare seiner ersten Rock 'n'Roll-Single pressen: Shooting Ghost. 1967 löste er die Band auf und wurde Schlagersänger - zunächst bei Ariola ( Dana, My Love), anschließend bei Teldec ( Ein Kissen voller Träume). Zusammen mit seiner Frau Brigitte kaufte er in Elversberg bei Saarbrücken mehrere Diskotheken. Notenlesen hatte er nicht gelernt, doch er verfügte über ein feines Ohr und eine markant tiefe Stimme.

1971 gab ihm der Berliner Meisel-Verlag für sein Hansa-Label einen Produzentenvertrag. Mit seinen Protegés, dem Teenager Benny ( Amigo Charlie Brown) und der Rock-Röhre Gilla, die er auf ein deutsches Cover der Labelle-Nummer Voulez-Vous Coucher Avec Moi? ansetzte, lieferte er alsbald Hits. Mit der deutschen Fassung des Filmsongs Rocky produzierte er sich 1976 auch selber als Sänger in der deutschen Hitparade auf Platz eins.

Farians Stimme bestritt auch in unterschiedlichen Tonspuren, von Frauenstimmen umrahmt, den wesentlichen Teil der Produktion Baby Do You Wanna Bump, die unter dem Phantasienamen Boney M. auf den Markt kam und sofort in den Diskotheken nicht nur in Deutschland, sondern auch in Holland und Belgien einschlug. Nun erforderte das Studioprodukt Boney M. für Live-Auftritte und TV-Promotion Gesichter. Farian besetzte den Part seiner Stimme mit dem am 6. Oktober 1949 auf Aruba in der Karibik geborenen Tänzer und Discjockey Bobby Farrell und holte sich seine Lead-Sängerin von den Les Humphries Singers: Liz Mitchell, geb. am 12. Juli 1952 in Clarendon, Jamaika, die als Nachfolgerin von Donna Summer im Musical "Hair" nach Deutschland gekommen war. Auch die beiden anderen dunkelhäutigen Schönheiten stammten aus der Karibik: Marcia Barrett, geb. am 14. Oktober 1948 in St. Catherines, Jamaika; Maizie Williams, geb. am 25. März 1951 in Monserrat, West Indies.

Dass diese Truppe mit Ausnahme von Liz Mitchell und gelegentlich Marcia Barrett im Wesentlichen zur Staffage für Farians Studioarbeit diente, wurde angesichts ihrer exotischen Reize von der Kritik übersehen, löste jedenfalls keinen Empörungsschrei aus wie zwölf Jahre später das nach derselben Methode lancierte Duo Milli Vanilli. Zwar markierten professionelle Musikbeschreiber Boney M. mit Etiketten wie Trivial-Pop oder Retorten-Pop, doch erst beim Milli Vanilli-Skandal warf die "Süddeutsche Zeitung" dem Produzenten vor, er habe ja "bereits Erfahrung im Vortäuschen falscher musikalischer Tatsachen".

Der Erfolg war nicht aufzuhalten. Die Single Daddy Cool hielt sich in Deutschland zwölf Wochen lang an der Spitze der Hitparade und erreichte im Februar 1977 auch auf den englischen Charts den Platz eins. Ein Remake von Bobby Hebbs weltweit gecovertem Hit Sunny folgte in den Top-Positionen im April, Ma Baker im Juli auf dem englischen Platz zwei, Belfast im Dezember 1977 immer noch in den Top Ten. 1978 hießen die Single-Hits Rivers Of Babylon, Rasputin und Mary's Boychild, 1979 El Lute und Hooray! Hooray! It's A Holi-Holiday, aber auch die LPs Take The Heat Off Me (1976), Love For Sale (1977), Nightflight To Venus (1978), Oceans Of Fantasy (1979) fuhren Spitzenumsätze ein. "Unsere Musik war ein Geschenk Gottes und erreichte weltweit die Herzen der Fans", kommentierte später Liz Mitchell, "doch das Zentrum von Boney M. basierte auf einer Lüge. Das ist eine Schande. Ich wünschte, ich könnte diese Lüge ungeschehen machen."

Tatsächlich war der Erfolg weniger göttlicher Gnade als einer höchst irdischen Dreieinigkeit zu danken. Frank Farian lieferte das Feeling, die Studiokompetenz und das geschäftliche Ingenium. Der studierte Musiker und Jazzfan Stefan Klinkhammer durchforstete unermüdlich Ethno- und Oldie-Schallplatten nach verwendungsfähigen Songmotiven und besorgte die treffsicheren Arrangements. So stammte beispielsweise Brown Girl In The Ring von einem urheberrecht-lich ungeschützten Traditional aus Jamaika; Hooray! Hooray! basierte auf der Melodie Polly Wolly Doodle aus dem Shirley Temple-Film "The Littlest Rebel" von 1935.

Der Schlagerdichter Fred Jay alias Fred Jacobson, am 27. Juli 1913 als Sohn des Technischen Direktors einer Papierfabrik im österreichischen Steyrermühl geboren, am 27. März 1988 in Greenwich, New York, gestorben, trug die meisten der knappen, lakonischen, aber universal wirksamen Texte bei. Jacobson war 1938 über Paris und ein französisches Internierungslager in die USA emigriert und hatte als Direktor des Deutschen Dienstes der Voice of America eine diplomatisch unterfütterte Rundfunkkarriere gemacht. Zu den R & B-Künstlern, die Lieder von ihm gesungen hatten, gehörten Ruth Brown, La Vern Baker, Chuck Willis und Ray Charles.

Nach den LPs Kalimba Da Luna (1984), Eye Dance (1985) verebbte die Boney M.-Begeisterung; eine Kollektion ihrer Greatest Hits kam 1994 in England noch einmal unter die Top Ten. Farian hatte sein Studio im hessischen Rosbach längst zu einem Anlaufpunkt für internationale Rockstars ausgebaut. Bei ihm produzierten Meat Loaf, Sidney Rome, Terence Trent D'Arby, Stevie Wonder ( I Just Called To Say I Love You) und die Toten Hosen. Er entdeckte die Band Eruption bei einem Soul-Festival in England, die er als Producer übernahm, und baute deren Leadsängerin Precious Wilson zu einem internationalen Solo-Star auf. 1984 produzierte er die Benefizplatte Nackt im Wind für die Hungerhilfe in Afrika, 1985 das ehrgeizige Projekt Far Corporation: Coverversionen von Rock-Klassikern wie Stairway To Heaven von Led Zeppelin, Sebastian von Cockney Rebel, Mother And Child Reunion von Paul Simon mit hochkarätigen Musikern wie Bobby Kimball, David Paich, Steve Lukather von Toto, Curt Cress von Passport u. a. Die LP rückte auf Platz acht in die britischen Charts. Jimmy Page und Robert Plant von Led Zeppelin sandten Glückwünsche. Meat Loaf grüßte aus Amerika: "Frank Farian war der erste Producer, mit dem ich gearbeitet habe, der nicht nur seinen Job tat, sondern mir beim Phrasieren half und mir beibrachte, mehr aus meiner Stimme zu machen."

So hätte denn wohl auch der Milli Vanilli-Coup funktioniert, hätte nicht ein Studiosänger namens Charles Shaw nach dem Nummer-eins-Erfolg von Girl You Know It's True (1989) in den USA, an dem er nicht beteiligt war, öffentlich Anklage erhoben. Die beiden Breakdancer Robert Pilatus, 1964 in München geboren, und Fabrice Morvan, 1966 auf Guadeloupe geboren, hatten zuvor an der Gruppe Empire Bizarre von Ralph Siegel mitgewirkt und waren von Farian vertraglich für "Darbietungen" verpflichtet worden. Dass sie gesanglich hilflos waren, zeigte sich im Juli 1989 bei einer Konzert-"Darbietung" in Bristol, als das Playbackband ausfiel.(...)

Anlässlich des 40.Jubiläums von Boney M veröffentlicht Sony Music das neue Album "Diamonds". Darauf befinden sich alle Hit-Singles sowie neue Remixe bekannter DJs wie Bassflow oder Blank & Jones. Ausserdem produzierte Frank Farian zwei neue Hit-Singles.

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