Tori Amos
Diese Musik in meiner Werbung Die unvergleichliche Tori Amos ist eine der schillerndsten Singer/Songwriter-Persönlichkeiten, die die Popwelt je hervorgebracht hat. Jetzt meldet sie sich zurück mit ihrem neunten Studioalbum, aufgenommen in ihrem eigenen Martian Engineering Studio in Cornwall, England - und sie hat noch jemanden mitgebracht."American Doll Posse" zeigt Tori Amos, wie wir sie vorher nicht kannten. Amos schlüpfte für ihr neues Album in fünf unterschiedliche Charaktere, die zusammen eine einzige Frau ergeben. Jahrhunderte lang hat das herrschende Patriarchat das Wesen des Weiblichen verstümmelt, im direkten Sinn des Wortes wie im übertragenen. Jetzt setzt sich die Frau wieder zum vollständigen Wesen zusammen und erobert die Macht zurück. Tori Amos selbst und ihre vier Frauenfiguren ergeben das faszinierende Porträt einer einzigen Frau mit allen ihren widersprüchlichen Facetten.
Auch Amos selbst war etwas verwirrt, als die Damen plötzlich auftauchten. Am Anfang schien alles ganz normal. Die neuen Stücke begannen gerade aus ihrem legendären Bösendorfer-Klavier zu strömen, das sie überall hin begeleitet, als sie bemerkte, dass etwas anders war. "Normalerweise, wenn es soweit ist dass die Stücke fließen, höre ich sie als Ganzes", sagt Tori Amos. "Sie passen zusammen, als ob sie ein einheitlicher Rahmen umschließt. Diesmal fiel mir auf, dass es plötzlich diese extremen Unterschiede gab."
Es waren unterschiedliche Stimmen, unterschiedliche Archetypen; und zu jeder Stimme gehörte ein kompletter Charakter. Jede Persönlichkeit hatte ihr eigenes Aussehen und ihren eigenen Stil. Und jede Frau hatte etwas Wichtiges zu sagen über ihre Rolle in einer Welt, die immer noch vom Patriarchat bestimmt wird und über die Fesseln, die ihr angelegt wurden und die ihr nicht erlauben, ihr wirkliches Ich zu zeigen.
"Ich bin die Tochter eines Predigers und ich verstehe, welche Bedeutung Religion in einer Gesellschaft hat", sagt Amos. "Wir leben in einer Zeit, in der rechtskonservative Christen das Sagen haben. Frauen dürfen nur Hure oder Heilige sein. Es gibt nur schwarz oder weiß. Ich spiele Klavier, ich kann schwarz und weiß sehr gut auseinanderhalten. Aber außerhalb einer Klaviertastatur bringt uns die strikte Unterscheidung zwischen schwarz und weiß überhaupt nicht weiter."
Amos fand die Lösung in der griechischen Mythologie, in einer Welt, in der das Weibliche und seine verschiedenen Facetten als göttlich verehrt wurden. "Ich betrachtete das griechische Pantheon. Und ich hörte die Stücke an, die ich aufgenommen hatte. Nach und nach wurde mir klar, welcher Charakter zu welchem Stück gehört."
Isabel (HisTORIcal), eine Fotografin, entspricht Artemis und ihre politischen Ansichten sind deutlich und kompromisslos. Sie eröffnet das Album mit "Yo George", einem Paukenschlag von einem Song, der sich an den US-Präsidenten richtet und die Furcht einflössende Politik des Oberbefehlshabers und seiner Gefolgschaft scharf verurteilt. Isabel beschließt das Album auch mit der Antikriegshymne "Dark Side of the Sun."
Dann ist da Clyde (CliTORIdes), die an Persephone erinnert. Sie versucht gar nicht erst, die Wunden auf ihrer Seele zu verstecken und sie hat sich trotz aller Rückschläge ihren Idealismus bewahrt. "Sie gibt sich Mühe, damit zurechtzukommen, dass sie keine vollständige Person mehr ist. Sie will herausbekommen, an was sie glaubt und sie möchte die Enttäuschungen, die sie im Leben erfahren hat, nicht verdrängen", sagt Amos. Clyde ist das verlorene kleine Mädchen im wundervollen "Girl Disappearing" und sie ist zu hören auf der Ballade "Roosterspur Bridge".
Pip (ExpiraTORIal) ist Athene. Sie stolziert selbstbewusst durch das wilde "Teenage Hustling" und singt "Body and Soul" im Duett mit Santa. "Pip ist eine Kämpferin, sie nennt die Dinge beim Namen und manchmal knallt es eben auch. Ihre Energie ist der Wahnsinn und sie steht auf Latex, das finde ich super", sagt Amos.
Santa (SanaTORIum) ist an Aphrodite angelehnt und sie ist die Sinnlichste der Fünf. Ihre Stücke sind der großartige Popsong "Secret Spell", das grandios verruchte "You Can Bring Your Dog" und das Retro-Stück "Programmable Soda". "Santa ist ein Mädchen-Mädchen", sagt Amos. "Sie versteht ihre Schwestern und sie ist überzeugt, dass es genug Liebe und Leidenschaft gibt für alle da draußen. Sie würde nicht einmal im Traum daran denken, dass Sinnlichkeit pervers sein könnte. Falsche Scham ist ihr völlig fremd."
Und natürlich ist da Tori (TerraTORIes), deren Persönlichkeit sich überraschenderweise als die für Amos am schwierigsten zu begreifende herausstellte. "Sie ist Demeter und Dionysos. Sie steht für das Männliche, aber sie ist wie Demeter die Mutter und Schöpferin", sagt Amos. Sie ist die Protagonistin von "Big Wheel" und dem an Lennon erinnernden "Digital Ghost".
"Jede Frau hat diese Charaktere in sich. Sie sehen unterschiedlich aus. Aber das Weibliche besteht aus allen diesen Teilen, das ist schon immer so gewesen. Wir werden nur leider gezwungen, uns für eine Facette zu entscheiden", sagt Tori Amos.
Auch Amos selbst hat von diesen fünf Frauen viel über sich gelernt. "Viele Jahre bin ich ein Bild gewesen, ein Image. Aber ich bin viel mehr", sagt sie. "Ich habe bestimmte Entscheidungen getroffen, aber das heißt noch lange nicht, dass es keine anderen Möglichkeiten gegeben hätte. Diese Frauen zeigen mir, wie viel außer der Rothaarigen noch in mir steckt und dass diese anderen Facetten meiner Persönlichkeit nicht weniger real sind, als das, was ich bisher von mir kannte."
Es scheint, als habe Amos' gesamte musikalische Karriere auf diesen Punkt hingeführt. Viele ihrer Alben hatten ein Thema, ein Leitmotiv. "Ich habe immer nur eine Persönlichkeit auf einmal erkundet", sagt sie. "Wenn man auf meine Alben zurückblickt sieht man, dass alle diese Charaktere schon einmal da waren. Ich habe in meinen Stücken von ihnen erzählt. Jetzt sind sie zusammen gekommen und ergeben eine vollständige Frau."
In den kommenden Monaten wird jede der Charaktere ihren eigenen Blog bekommen und mehr von sich erzählen. "Man wird die Mädchen immer besser kennen lernen. Es gibt Fotos, die Songs und natürlich schreiben sie", sagt Amos. "Ihre Beziehungen werden komplizierter. Ich finde es toll, ein großes Multimediaprojekt zu machen, das nur aus Improvisation besteht. Die Frauen können sich frei entwickeln, sie sind nicht eingesperrt, sie werden nicht porträtiert sondern entfalten sich selbst. Wir werden alle mitverfolgen können, was aus ihnen wird."
Natürlich sind alle fünf Charaktere auch auf Tori Amos' Tour präsent, die im Mai 2007 beginnt und bis Dezember 2007 läuft. Pip, Clyde, Isabel und Santa werden im Wechsel jeden Abend die Show für Tori eröffnen. "Natürlich haben sie ihre eigenen Kostüme dabei, sie sind doch echte Frauen. Ich habe keine Ahnung, wer an welchem Abend dran ist. Das kommt ganz darauf an, was in der Welt passiert." Tori Amos wird Stücke aus allen Phasen ihrer Karriere spielen. Was die neuen Songs angeht, so wird sie auch Songs spielen, deren eigentliche Interpretinnen nicht körperlich anwesend sind. "Tori kann gut covern, dafür ist sie bekannt", scherzt Amos. Fans erinnern sich an Tori Amos' Cover-Album "Strange Little Girls" (2001). Auch damals erschuf Amos auf Fotos festgehaltene Charaktere für jeden einzelnen Song - das Konzept des neuen Albums hat also durchaus seine Schatten vorausgeworfen.
In jeder von uns wohnt eine Pip, Clyde, Isabel, Santa und - natürlich - eine Tori. Und Amos bittet sie alle heraus. Sie sollen sich nehmen, was ihnen zusteht. Tori Amos mag Männer (schließlich ist sie mit einem verheiratet), aber sie warnt die Unterdrücker: "Die patriarchale Autorität hat diese Welt geschaffen. Und ich werde sie schon noch drankriegen." Doch der Alarmruf geht auch noch an eine andere Gruppe. "Wir Frauen Amerikas müssen ihnen ordentlich einheizen. Alle müssen mitmachen. Wir dürfen uns nicht mundtot machen lassen von denen da oben, wer immer die sind. Es wäre unverzeihlich, wenn wir uns nicht lautstark Gehör verschaffen."
Treten Sie näher, bringen Sie offene Ohren mit und einen wachen Verstand. Und vergessen sie nicht Ihr wahres Ich. Tori, Pip, Isabel, Clyde und Santa haben Ihnen einiges zu erzählen.
Tori Amos auf Deutschlandtour:
04.06. Hamburg, Musikhalle
06.06. Düsseldorf, Philipshalle
07.06. München, Philharmonie
10.06. Stuttgart, Beethovensaal
11.06. Nürnberg, Serenadenhof
17.06. Berlin, Tempodrom
30.06. Frankfurt, Alte Oper
(Veranstalter: Marek Lieberberg)

