Thomas Natschinski
Diese Musik in meiner Werbung Er war nie der coole Rocker im schwarzen Lederoutfit, der an seinem Keyboard breitbeinig-machohaft stand und gierig die ersten Reihen eines Konzertsaales absuchte, um ein warmes Plätzchen für die Nacht zu finden.Er liebte Zärtlichkeiten, die nicht wie ein Schmetterling davon flogen und Berührungen, die nicht für irgend jemand waren, sondern für ein Gesicht, eine Haut, ein Ohr.
Thomas Natschinski ist ein sinnlicher Typ, der Bilder »hört« und seinen Flügel als seine zweite Geliebte
betrachtet.
Fräulein Frahn (seine 3. Klavierlehrerin) war eine schöne Fee, die ihm diese Flugzeuge in den Bauch senkte.
Sie kam, als er schon zwei verschlissen und bislang jeder Aufforderung tapfer widerstanden hatte, ein
braves Kerlchen zu sein und zu üben.
Rührende 16 war er, als drei Freunde und er an einem lauen Sommerabend Beatbands in Berlin live hörten und der legendäre Jugendsender DT64 die Beatles und die Rolling Stones spielte. Dieser Moment entschied über eine Karriere. Die spacken Vier gründeten 1964 die Schülerband Team 4. Die Jungs waren sich sicher, dass sie Songs schreiben können, die die Welt erschüttern. »Die Straße«, die »Mokka-Milch-
Eisbar« und das »Lied von den Träumen« ließen dann auch wirklich die Teenies kreischen.
Team 4 war die erste deutsche Band, die deutschsprachige Beatmusik veröffentlichte. Tommy, wie man ihn nannte, war der Komponist aller Titel.
Er hatte noch nicht das Abitur in der Tasche und war schon berühmt. Dann ging alles sehr schnell. 1968
schrieb er mit seinem berühmten Komponistenvater Gerd den DEFA-Kultfilm »Heißer Sommer«, parallel
studierte er Klavier und Komposition an der Musikhochschule Hanns Eisler. Das war der Schlüssel für das Multitalent Thomas Natschinski.
Aus seinem eigenen Garten konnte er sich jetzt bedienen. Er spielte nach 6 Jahren Musikstudium nicht
nur hervorragend Klavier, Gitarre und Mundharmonika. Er lernte auch für Großes Orchester zu komponieren,
atonale Musik und Streichquartette zu schreiben (Zu hören in »Der Abend ist gekommen«,1967).
Die ersten Singles wurden unter Team 4 veröffentlicht, dann wurde der englische Bandname von Hardlinern
der DDR »gekillt« und eingedeutscht. Team 4 wurde in Thomas Natschinski-Gruppe unbenannt.
1971 zerbröckelte die Band, 18-Monate-Thomas-im-grauen-Rock-der-Armee hielt sie nicht aus. Dann
roch die Luft wieder anders, der Kasernenton wandelte sich in 12 lustvolle Töne.
1976 warf er sich – nach einem Ausflug in das Bandleben mit »Brot und Salz« – siegessicher in das Leben der Freiberufler und erlebte die Härte des Komponistenalltags.
Aber es gibt die seidigen Stricke, die Macher und Könner fühlen und zusammenführen. Er lernte die
Filmregisseure Konrad Weiß und Günter Meyer kennen. Es begann die Erfolgsära des Filmkomponisten
Thomas Natschinski. Er schrieb über 150 Filmmusiken für Kinder- und Dokumentarfilme, Fernsehserien sowie Krimis – bis heute.
1979 betrat er wieder den Rockzirkus: Als Bandleader bei Veronika Fischer und 1980 als Keyboarder bei
Karat, einer der erfolgreichsten Rockgruppen der DDR.
Zwischen den Jahren traf er den damaligen neuen Stern am Pophimmel: Gaby Rückert. Sie war in ihrer
erfrischenden Geradlinigkeit und so wenig glamourösen und pailettenglitzernden rosaroten Schlagerseligkeit
genau die Muse, für die er – ohne sich auch nur einmal mit ihr zu knutschen – den schönsten Liebessong der DDR schrieb.
»Berührung« wurde 1980 Hit des Jahres.
1984 komponierte er für den charismatischen DDR-Ausnahmesänger Jürgen Walter das wundervolle, alle
Modewetter überdauernde Lied »Clown sein«. Juhnke und Mary (Georg Preusse) haben es gesungen,
aber keiner so wie Jürgen Walter. Für ihn schrieb, arrangierte und produzierte Thomas in seinem eigenen
Studio über 70 Songs, einer schöner als der andere.
Als erstem ostdeutschen Songwriter gelang ihm 1996 und 1997 die Teilnahme am Vorentscheid zum
Grand Prix Eurovision. Er belegte den vierten Platz.
Im Frühjahr 2000 ließ er die Sektkorken knallen und sagte endlos laut »endlich«. Das größte Revuetheater
Europas beauftragte ihn mit einer ganzen Show. Thomas schrieb für den Friedrichsstadtpalast die Erfolgsrevue »WUNDERBAR – Die 2002. Nacht«. Sie lief sensationelle 400 mal.
Über 500 Songs für starke Typen hat Thomas geschrieben. Sich selbst hat er als Sänger ein bisschen
vernachlässigt. Schade. Im Februar 2006 erschien seine fünfte CD mit Jürgen Walter. Aus Liebe wurde sie
gemacht und »Aus Liebe« heißt sie. Genau deshalb.
Christine Dähn (2006)

