The Coral

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Album: "The Invisible Invasion" (VÖ: 23.05.2005)
Single: "In The Morning"

Hoylake, Merseyside - wo zum Henker soll nun DAS nun wieder sein? Es ist eines jener Dörfer, wo "jeder jeden, aber niemand irgendwen wirklich" kennt, einer jener Käffer an der Westküste Englands, über die es nicht viel zu berichten gibt - das "Anti-Blackpool" sozusagen - dessen alljährliches Event-Highlight den eher mäßig extravaganten Namen "Lifeboat Day" trägt.
In den vergangenen Jahren erfuhr die 9000-Seelen-Gemeinden allerdings einen nicht unerheblichen Popularitäts-Boost: Denn mit The Coral brachte Hoylake eine der aufregendsten Bands der vergangenen Jahre hervor. Dereinst von sechs blutjungen Musikverrückten im Alter zwischen 18 und 22 gegründet, befinden sich mittlerweile alle Bandmitglieder mitten in ihren Zwanzigern. Jüngst wurde das Line-Up um den Percussionisten John Duffy erweitert.
Zählt man das letzt jährige Mini-Album "Night Freak & The Sons Of Becker" mit, so stehen für die Jungs bereits drei Alben in vergangenen drei Jahren zu Buche: Neben "Nighfreak" veröffentlichten James Skelly und Kollegen ihr umjubeltes Debütalbum "The Coral" (2002) und das "Mercury Prize"-nominierte UK-Nummer-Eins-Album "Magic & Medicine" (2003) - allesamt produziert von Lightning-Seeds-Mastermind Ian Broudie.
Von Anfang an bediente sich die Band an einer Schwindel erregenden Fülle an Stilen - dabei fördern dabei Genres zu Tage, die keiner ihrer Altersgenossen je aufzugreifen wagen würde. Balladen, vorzugsweise in Moll gehalten, mit abenteuerlichem Wild-West-Flair und dem Fluidum einer mondhellen Nacht in einem morastigen Sumpfgebiet im Süden der USA. Wie cool ist DAS bitte? Eine Recherche nach vergleichbaren Bands ihrer Alterklasse wäre derweil vergebens - die sechs Briten sind für musikalisch schon viel zu weit fortgeschritten, ihrer Generation längst enteilt. The Coral haben die Zukunft im Blick und stecken auf ihrem Weg die Nasen in jedes musikalische Süppchen, das jemals irgendwo vor sich hin köchelte. Außerdem sind The Coral ob ihrer Jugend mit einem schier unglaublichen Selbstbewusstsein ausgestattet. Wie ein rotierendes Kultur-Kaleidoskop schöpfen sie ihre Inspiration etwa aus WWF, Darwins "Origin Of The Species", Hemingway und Huckleberry Finn. Wählerisch, aber trotzdem stets zugänglich. Alles, mit dem sie in Kontakt kommen, wird assimiliert, reflektiert und in das bestehende Wertesystem eingefügt. Marley. Die Beach Boys. Die Doors. Treasure Island. Der amerikanische Bürgerkrieg. BMX-Räder. Was immer Dir auch einfällt - die Jungs interessiert's. James bringt das Verfahren auf den Punkt: "Inspiration ist überall".

Aber wie sind sie nur so weit gekommen? Vor zehn Jahren formierte sich die Band aus einer Gruppe von Freunden an der "Hillbury High" in Hoylake. Die Brüder James und Ian luden ihren zukünftigen Gitarristen Lee nach Hause auf eine Tasse Tee ein und machten ihrer Mutter weiß, es handele sich bei dem Gast um einen Kosovo-Flüchtling. Irgendwann gabelten sie dann Paul, Nick und Bill auf. Gemeinsam studierten sie eine Handvoll alter Lieblingssongs (vorzugsweise von Oasis) ein und schrieben einige neue - über Piraten, über Sheriffs und über Männer, die wie Pflanzen aussehen. Dann unternahmen sie den Versuch, eine weiterführende Bildungseinrichtung zu besuchen, wurden allerdings von dem Gefühl übermannt, nicht das Richtige zu tun. Es raubte ihnen die Energie und konnte deshalb nicht weiter berücksichtigt werden. James berichtet: "Wir haben alle das College ausprobiert, aber wir sind alle wieder abgegangen. Es war nicht sehr aufregend und es war auch nicht sehr gut. Wir hatten nicht den Eindruck, als wenn uns dort wirklich etwas beigebracht werden sollte." Und warum unterrichtet werden, wenn man lernen kann? Warum sich für eine einzige Sache abrackern wenn man doch gleichzeitig Hunderte ausprobieren kann?
Die Band verkroch sich in einem verlassenen Bunker am Meer, um dort bis an die Schmerzgrenze zu üben - und zu rauchen. Über Teilzeit-Jobs deckten sie die Kosten ihres musikalischen Unternehmens und sonderten zwischendurch ein Demo nach dem anderen ab. Es war schließlich Alan Wills, einst das Herzstück der Rhytmusgruppe der Band Shack, der sich The Coral annahm und quasi nur wegen ihnen das Label "Deltasonic" gründete, nachdem er Zeuge einer (!) Bandprobe geworden war. Im Sommer veröffentlichten sie eine Debüt-EP mit dem Titel "Shadow Fall", deren Titelstück gleichsam von russischer Folklore und bizarrem Ragtime inspiriert zu sein schien. Sie gaben einige Konzerte zusammen mit ihren alten Kumpels und geistesverwandten Genre-Revoluzzern The Music. A&Rs waren den Tränen nahe. Kurz vor Weihnachten im vergangenen Jahr erschien der Follow-Up "The Oldest Path" und es klang wie Johnny Cash, der mit den frühen Specials singt. Ein weiteres Bespiel für die eindrucksvolle Vielseitigkeit der Jungs.
Kurzum: Hier war nun endlich eine Band, die ihre wie immer auch gelagerten Interessen bestmöglich nutzt und einsetzt - ihre Energie auf Platte presst und nicht etwa altbekannte Schablonen verwendet. Ihre Arbeitseinstellung ist - verglichen mit einigen ihrer älteren Kollegen und neuen Gitarrenbands, die man hier aufzählen könnte - schlichtweg erfrischend und sichert ihnen für viele weitere Jahre (und Alben) einen Spitzenplatz im Popbusiness.
Im Mai 2005 erscheint nun mit "The Invisible Invasion" das dritte Full-Length-Album der Band im dritten Jahr - für heutige Musikfans ein beispielloses Phänomen an Fleiß und Strebsamkeit. Wirft man jedoch einen Blick zurück in die Musikgeschichte, erscheint eine derartige Veröffentlichungspolitik weit weniger ungewöhnlich: Sowohl den Sechzigern (The Beatles), als auch in den Siebzigern (The Clash) und Achtzigern (The Smiths) gab es klassische britische Bands, die pro Jahr eine LP ablieferten.
"The Invisible Invasion" ist das entspannteste und reifste Werk bislang. Es ist eine Platte für Leute, die noch in der Lage sind, wirklich zuzuhören. Ein Album, das dir auch in den Pausen zwischen den einzelnen Hör-Durchgängen keine Ruhe lässt und bevor du dich versiehst, ist das Ding in deinem iPod auf Dauer-Wiederholung, wie ein bester Freund, ohne den du dir dein Leben nicht mehr vorstellen kannst.
Ein Gutteil des Sucht-Potenzials des Albums lässt sich ohne Zweifel auf die subtile Produktion der Portishead-Soundmeister Geoff Barrow und Adrian Utley zurückführen. Letzteren bezeichnet Skelly als einen "Freak" und "brillanten Gitarristen". "Sie haben es genau so hinbekommen, wie wir das wollten. Sie kamen vorbei, haben uns im Proberaum zugesehen und waren bei Konzerten. Sie haben uns mehr Raum und Tiefe gegeben, als wir je zuvor hatten." Das ganze Album verströmt einen Vibe, der nur sehr schwer zu quantifizieren ist, eine Art Sechziger-Jahre-Wärme, die schon längst verschollen schien - durch die befähigten Hände der Jungs jedoch eine erfrischende Wiedergeburt erfährt.
Die Arbeit an "The Invisible Invasion" begann zu Beginn des vergangenen Jahres. Die Band mietete für zwei Wochen ein Haus im Lake Distrikt und probte die achtzehn für das Album in Frage kommenden Songs, feilten, bogen und schnitzen an ihnen herum, bis sie soweit waren, sie auf Acetat zu bringen. Im Verlauf des folgenden Jahres "hat sich an den Songs eigentlich nicht mehr viel verändert", erinnert sich James. Das Album wurde in den "Mono Valley Studios" in Monmouth, Wales, den "Elevator Studios" in Liverpool und in Geoff Barrows "State Of The Art Studio" in Bristol aufgenommen und in "Bath Moles" abgemischt. "Dieses Album vereint die besten Sachen aus unseren vorigen Alben. Außerdem war es uns wichtig, ein Album zu haben, das wir - im Gegensatz zum letzten - auch problemlos live spielen können", erklärt James Skelly.
Die erste Single "In The Morning" ist schlicht und ergreifend ein Paradebeispiel raffinierten Songwritings, im Geiste wippen Zich-Millionen Füße versonnen im Takt mit. "Es ist so poppig wie man sich überhaupt nur vorstellen kann", sagt James. Der Song "So Long Ago" weckt gleichermaßen Assoziationen an die Byrds und Northern Soul. Auf der anderen der Spektrums gibt es auf dem Album das Stück "Arabian Sands" (Skelly: "Das ist ein Song über Das Dali-Bild "Mad Man In The Desert"), bei dem sich The Coral von ihrer allerbesten Seite zeigen, indem sie einmal mehr jede Risikoscheu über Bord werfen und die Popmusik-Betriebanleitung mal eben aus dem Cockpit schmeißen. Und dann sollte man sich unbedingt den Track "Late Afternoon" anhören - es sind die bislang schönsten vier Minuten in der Karriere der Band.
Im April geben The Coral in England einige Konzerte. Und da James Skelly sagt, "dieses Album muss live gespielt werden. "Magic & Medicine' war ein Studioalbum, aber wir wollen jetzt so viele neue Songs wie möglich live spielen", darf man gespannt sein, ob die Jungs nicht noch ein paar Konzerte in Kontinentaleuropa nachlegen werden.

The Coral
James Skelly - guitar / vocals - age 24
Ian Skelly - drums / percussion - age 22
Nick Power - organ / vocals - age 23
Bill Ryder-Jones - guitar / trumpet - age 22
Lee Southall - guitar / vocals - age 22
Paul Duffy - bass / sax - age 22
John Duffy - percussion - age 22