Stefan Gwildis
Diese Musik in meiner Werbung Wer nichts als einen schrottreifen Opel Kadett B, einen feinen Kollegen und etwas grobes Werkzeug braucht, um daraus eine abendfüllende Sinfonie der charmanten Zerstörung zu machen, der muss sich Mut längst nicht mehr antrinken. Stefan Gwildis lächelt wie der Prototyp eines Mannes in den besten Jahren, "interessanter Ansatz", sagt er, "überhaupt mal Musik mit Mut in Verbindung zu bringen". Passt in seinem Falle aber ziemlich gut. "Stimmt schon. Für unsere Soulcover haben wir ja damals Kommentare eingefahren aus der Branche, die möchte man gar nicht aussprechen. Das aber kann dir mit eigenen Songs genau so passieren. In beiden Fällen lässt du die Hosen 'runter, und dafür finden dich immer auch Leute doof". Gwildis nippt am Heißgetränk und lächelt immer noch total entwaffnend, "aber es geht ja nicht darum, möglichst sicher 'everybody's darling' zu werden. Es geht darum, irgendwann zu sagen: So ist das. Und das stelle ich jetzt in die Öffentlichkeit, basta".Sortieren wir ein wenig. Besagte Soulcover stammen aus dem Jahr 2003, versammelt auf dem Album "Neues Spiel", und sie wurden bejubelt und verrissen, angebetet und verspottet. Die Kommentare reichten von "braucht die Welt nicht" bis zu "endlich traut sich das mal einer". Womit wir wieder beim Mut wären, der sich sozusagen als erste Tugend durch das Künstlerleben des Stefan Gwildis zieht. Mit 21 absolviert der Hamburger eine Ausbildung in Fecht- und Stuntszenen am Thalia Theater, kurz darauf macht er sich die jungen Hände schmutzig, jobbt als Lagerarbeiter, Sonnenbankaussteller und - Weihnachtsmann. Es folgen die Kabarettjahre, mit "Herrchens Frauchen" im Zelt, mit "Aprillfrisch" und "MäGäDäm" im Schmidt's auf dem Kiez, mit den "Strombolis" und mit besagtem "AutoAuto!", der bislang einzigartigen konstruktiven Dekonstruktion eines Kleinwagens in Diensten der Kunst, mit seinem Freund Christian von Richthofen. Alles gewagt, alles gewonnen.
Nach dem Erfolg von "Neues Spiel" und seinen Nachfolgern "Nur wegen dir", "Heut ist der Tag" und "Wünscht du wärst hier" allerdings beschlichen manchen klamme Ängste, ob jetzt wohl Stefan Gwildis die Strömung nutzt und sich einfach weiter treiben lässt. Hat er getan, aber eben zum Glück nicht allzu lange. Womit wir endlich beim neuen Album "frei händig" wären, das den 53-Jährigen wieder mit aufgekrempelten Ärmeln zeigt. Natürlich lässt er nicht ohne Not die Finger vom Seventies Soul, aber nun punktet er wieder mit (fast) ausnahmslos eigenem Songmaterial, das angenehm rau klingt und irgendwie nach warmer, dampfender Erde riecht. "So sollte das auch sein", sagt Gwildis, "wir wollten nicht alles bis zu Ende schmirgeln. Wie bei manch gutem Essen sind die Grundzutaten wichtig, aber da kannst du fünfmal Zuckerguss drüber ziehen, es schmeckt einfach nicht geiler. Das ist ein echter Luxus, zu sagen, nein, dieser Song braucht diesen oder jenen Gimmick nicht". Einer, den man sich verdienen muss. "Unser Fundament ist mit meiner Liebe zu Motown, zu Fender Rhodes und Wurlitzer sowieso gesetzt, das kommt immer wieder durch, jetzt endlich nutzen wir das als konsequentes Stilmittel".
Vielleicht kommt Stefan Gwildis hier seine ungewöhnliche Vita entgegen, ein sehr allmählicher, von keinerlei riesenhaften Höhepunkten oder krassen Abstiegen bestimmter Aufstieg. Wie froh ist er keinen dicken Hit im Repertoire zu führen? "Ich war mal mit den Strombolis für ein Showcase in Wien", holt Gwildis weit aus, "die Reaktionen der Medienleute waren ganz angetan, aber viele sagten, na ja, leider ist kein Radiohit dabei. Damals war auch Ostbahn Kurti, der Bruce Springsteen von Österreich, im Saal, und der sagte mir: 'Weißt du Stefan, das ist eine echte Gnade, keinen Hit zu haben'. Er hatte Recht. Ich konnte wachsen wie ein Baum, ohne einen irgendwie viel zu dicken Jahresring. Hast du einen Riesenhit, wird der zur Messlatte, und die wird immer größer und schwerer, bis sie dich erdrückt". Gwildis räkelt sich im Ledersofa, kein Gewicht lastet auf seinen Schultern.
So hört sich nun auch "frei händig" an, wie der unbeschwerte Schritt auf neues Terrain, auch wenn das in direkter Nachbarschaft zu bekanntem Gelände liegt. Zum Stax- und Motownsound kommen aber jetzt gelegentlich Fragmente aus der Frühzeit der Disco Music, dann und wann eine Jiveband-Tuba und immer wieder Anklänge an die Musik der großen Crooner aus den Plüschpalästen von Las Vegas, Erinnerungen an Tony Christie und Tom Jones, nur dass man sich Stefan Gwildis nach wie vor auch noch beim Rasenmähen oder Kuchen backen vorstellen könnte.
Eine wichtige Seite im Schaffen des Stefan Gwildis aber blieb hier bisher beinahe sträflich vernachlässigt: Gäbe es nicht Sasha & Band und diesen Sasha als Dick Brave & The Backbeats, Stefan Gwildis müsste die Krone als King der Bühne, als 'natural born Rampensau' ganz allein durch die Republik tragen. Wenn hinter den Plakaten für seine Tourneen der Kleister noch trocknet, klebt man vorn meist schon das Siegel "ausverkauft" drauf, was ja einen Grund haben muss - und auch hat. Gwildis live ist eine Urgewalt, ist Einsatz bis zum letzten Hemd. "Wann", fragt Stefan Gwildis, "ist ein gutes Konzert eigentlich ein sehr gutes?" Heißt: Wann, zum Teufel, wird ein sehr gutes Konzert zu einem unvergesslichen? Ganz einfach: Wenn der Zuschauer den Eindruck hat, dieser Künstler da vorn könne sich absolut keinen anderen Ort vorstellen, an dem er in diesem Moment lieber wäre als eben diese Bühne. So ist das bei Gwildis immer. Und deshalb freut sich die Gemeinde auch schon fast ein bisschen kindisch darauf, die neuen Songs von "frei händig" endlich im Konzertsaal zu erleben. Gwildis freut sich auch.

