René Marik

Diese Musik in meiner Werbung Der Mann hinter dem Maulwurf

Er ist längst eine Kultfigur: Der Maulwurf - blind, cholerisch, leicht debil und mit einem hinreißenden Sprachfehler gesegnet ist er immer verzweifelt auf der Suche nach der Liebe und begeistert damit seit einigen Monaten Millionen Internetnutzer und tausende Live-Zuschauer. Der Mann hinter Maulwurf & Co. heißt René Marik und ist seines Zei-chens diplomierter Puppenspieler, Schauspieler und Musiker. Am 26. September erscheint nun seine erste DVD unter dem unvermeidlichen Titel "Autschn!".

Über den Hype um seine Figuren, der sich in den letzten Monaten im Internet und darüber hinaus entwickelt hat, ist nie-mand überraschter als er selbst. René Marik ist nicht jahrelang über die Dörfer getingelt, hat sich nicht durch kleine Klubs und schlecht besuchte Bühnen geschlagen, um langsam nach und nach bekannt zu werden. Die Lawine wurde - durchaus zeitgemäß - über das Videoportal YouTube losgetreten: Ein Auftritt in der ‚Kurt-Krömer-Show' war auf einer Best-of-DVD vertreten, und irgend jemand kam auf die Idee den "Puppenquatsch" im Netz zu platzieren. Ein paar Hunderttausend Clicks später war, so Marik, "bei Auftritten die Hütte voll, und wenn ich meine Puppenturm aufgebaut habe, sind die Leute ausgerastet." Bis vor einem knappen Jahr hatte er weder ein Management, noch kümmerte sich jemand um sein Booking, erst seit Dezember hat er eine eigene Homepage. Ganz geheuer ist ihm das alles noch nicht: "Das kann alles genauso schnell wieder vorbei sein." Muss es aber absolut nicht. Denn ein Blick auf René Mariks Werdegang zeigt: Der Mann hat Substanz. Und er ist ein Überzeugungstäter.

Für den Bühnenberuf braucht man bekanntlich viel Disziplin und Ausdauer - Eigenschaften, die René Marik, Jahrgang 1970, schon sehr früh in die Wiege gelegt werden. Diese steht nämlich auf einem Truppenübungsplatz im Westerwald. Seine Eltern betreiben dort die Kantine. Bis zum elften Lebensjahr sind seine Spielgefährten Blindgänger und Ringe von Handgra-naten. Begleitet von Schusssalven und disziplinierendem Gebrüll besucht er von dort aus jeden Tag die Hauptschule.

Mit 15, nach dem Hauptschulabschluss, landet er in der Reparaturwerkstatt des elterlichen Dorfs im Westerwald zur Kfz-Mechaniker-Lehre. Sein Vater bringt dort immer seine Autos hin, das reicht als Begründung. Dabei kann er nicht mal einen Benziner von einem Diesel unterscheiden. Die Ablehnung zwischen ihm und der Kfz-Mechanik ist wechselseitig. Nach einem Dreivierteljahr ist Schluss. "Damals gab es den einzigen richtigen Streit mit meinen Eltern", sagt er. Ab da lassen sie ihn machen. Realschule, Abitur, Mathestudium, zunächst in Siegen. 1993 packt er sein Vordiplom in einen Koffer und macht sich auf nach Berlin. "Ich wollte unbedingt in einer Stadt leben, und Berlin war eben die einzige wirkliche Stadt", sagt Marik. "Als ich ankam, war ich ein Mathe-Nerd. Nur der Aktenkoffer hat gefehlt." Wie bei vielen Kreativen mit provinziell gepräg-ter Kindheit setzt sich so auch bei ihm erst relativ spät der Hang zu mehr Freiheit gegenüber dem Sicherheitsbedürfnis durch. Das allerdings nachhaltig: Binnen eines Monats wird er "von "innen nach außen gestülpt". Der menschenscheue Mathestudent schließt sich der Hausbesetzerszene an. In den folgenden sieben Jahren lebt Marik in einer knapp dreißigköp-figen WG in Friedrichshain, der Hochburg der damaligen Besetzerszene. Marik spielt in einer Punkband namens ‚Die fi-ckenden Turnschuhe' ("Ich bin letztens noch mal bei denen eingesprungen und musste auf einem Punkkonzert vom Blatt spielen. Das war sehr demütigend."). Ein Leben aus Provisorien ist normal. Im Rahmen der ‚Theatermafia' realisiert man spontane Kunstaktionen mit schlichten Mitteln. Eine Kollegin aus jenem Netzwerk ist Puppenspielerin. Sie nimmt ihn mit zur ‚Schaubude' und René erlebt sein erstes Puppentheaterstück, ein Wink des Himmels. Da er eh nicht "Rechenknecht bei einer Versicherung" werden will, macht er, der bis vor kurzem mit Theater noch nie etwas zu tun gehabt hat, kurzerhand die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Schauspielkunst ‚Ernst Busch' für den Studiengang Puppenspiel. Er wird angenommen, spielt an der Schaubühne unter Regielegende Robert Wilson, wirkt mit an einer Inszenierung von Shakes-peares ‚Romeo und Julia' mit vier Kermit-Fröschen.

Von 1999 bis 2004, nach seinem Abschluss, gehört Marik zum festen Ensemble des Jenaer Theaterhauses. Dort hat er eine Chaos-WG mit einem Ensemblekollegen, dem Liedermacher und Kabarettisten Rainald Grebe. Eine entscheidende Begeg-nung, die Spuren hinterlässt und ungeheuer inspirierend ist. O-Ton Marik über Grebe: "Man trifft in seinem Leben selten Leute, die mit etwas anderem als mit Wasser kochen." In dieser Zeit entsteht sein Programm ‚Autschn! Ein Abend über die Liebe', und ohne den Grebe, sagt Marik, würde es "diesen Schwachsinn nicht geben".

Es folgen drei Jahre am Neuen Theater Halle und Engagements am Deutschen Theater in Berlin. 2007 dann der Hype mit den Puppen. Seitdem tourt Marik mit seiner eigenen Truppe, bestehend aus Maulwurf, Frosch, Eisbär und Kollegen äußerst erfolgreich durch die Lande. Ende nicht abzusehen.

Wohl aus der Hausbesetzerzeit haben die Puppen einen gewissen Anarchismus geerbt. Sehr treffend bezeichnet die TAZ - in einem ganzseitigen Portrait - diesen Zug als "Kleinkunst im eigentlichen Sinne - Kunst mit kleinen Mitteln". Marik sei ein "Meister des Verschwindens. Und das in Zeiten, in denen Erfolg in ausverkauften Olympiahallen-Shows gemessen wird. Das Provisorische, Bruchstückhafte hat er zum Stilmittel erkoren." René hat klassische Marionetten immer gehasst. "Die sind so perfekt", sagt er. Ihm reichen eine gerupfte Barbie und ein "räudiges Stück Stoff". Der Rest ist Fantasie. Selbst seine Sprache, so wiederum die TAZ, ist ein "Wortsteinbruch, ein im Dada verschwindendes Geräuschpuzzle: ‚Hage? Jemand ze Hage?', ‚Hungi, Hungi!', Rapante, Rapante, lass'n haate daate!', ‚Schneewante!'. Muppet-Show mit Stoffresten prallt bei ihm auf lautmalerische Ursonate."

Zwischen den Puppennummern kommt René hinter seinem Puppenspieler-Verschlag hervor, singt Liebeslieder und zerstört Gedichte. Die Haare zurück gegelt, das Becken vorgeschoben, er schmachtet das Publikum an mit starrem Blick, gibt den heruntergekommenen Schnulzensänger und singt mit butterweichem Schmelz schmalzige Kitschnummern oder spielt Kurt-Schwitters-Poeme auf der E-Gitarre. Die Berliner Zeitung findet seinen Charme "derart beunruhigend, dass dem Zuschauer, den er bei ‚Blue Velvet' ansingt, vor Schreck der Taco in der Hand zerbricht." Dabei hat er in Stimme und Mimik so viel Spielraum, dass er, so nun die Süddeutscher Zeitung, "auch die Verlesung der Postleitzahlen in ein Schauspiel verwandeln könnte."

Ganz andere Eindrücke ruft Marik wiederum als Kalle, dem Berliner Proleten aus Marzahn, hervor. Der berichtet im ballon-seidenen Trainingsanzug und mit Discounter-Plastiktüte in der Hand über seine erniedrigenden Erlebnisse mit Frau Schi-bulski, seiner Sachbearbeiterin auf dem Sozialamt oder gerät in der Berliner U-Bahn in die ‚Arbeitnehmersitzplatzkontrolle'.

Doch über allem stehen die Puppen. In René Mariks Minidramen treten einige liebestolle Putzlappen auf, ein prolliger Eis-bär mit Vorliebe für Dosenbier, der mit Berliner Schnauze den Untergang der Titanic kommentiert und ein recht blasiert daher kommender Frosch namens Herr Falkenhorst. Dieser ist Schauspieler, und zwar ein bedeutender, zumindest seiner eigenen unumstößlichen Meinung nach. Wäre sein großer Monolog als ‚Der weiße Hai' nicht dem Schnitt zum Opfer gefal-len, säße er jetzt in Hollywood. Stattdessen muss er sich allabendlich von dem Puppenspieler-Kollegen unter ihm die Hand in den Allerwertesten schieben lassen, was er als äußerst erniedrigend empfindet, und in Darth-Vader-Maske mit einer Neonröhre gegen Teletubbies kämpfen. "Tja - Dadaismus!", kommentiert er das und warnt den Puppenspieler: "Da weht aber ein eiskalter Wind durch deinen Arbeitsvertrag, Freundchen."

Der unumwundene Star des Abends ist aber - natürlich - der Maulwurf. Immer und immer wieder scheitert er in seinen Annäherungsversuchen an die ewig gleich wiederkehrende Barbie, die mal als Gretchen, Rapunzel ("Rapante") oder Schneewitchen ("Schneewante") auftritt, aber immer gleich einsilbig nur ein gehüsteltes "Ahühü!" von sich gibt und den Maulwurf damit in totale Verzweiflung stürzt. Liegt es nur an seinem fatalen Sprachfehler? "Manno!", beschwert sich der plüschige Choleriker jedenfalls beim Publikum, "Nik laake!" - und verschwindet mit einem knappen "Tschüssn!" wieder im Untergrund.

Am Ende bleibt ihm nur der Selbstmord aus Liebeskummer. Plötzliche Betroffenheit im Saal. Doch Barbie hat sich für Ken entschieden - der Maulwurf wählt den Freitod auf der A9. Ein Auto erfasst ihn, dann noch eines. "Nää, nit schön…!" Er bäumt sich mit letzter Kraft auf, versucht noch, sich in den Boden einzugraben. Aber vergebens. Der Maulwurf scheitert ein letztes Mal, nun am Teer - das Ende einer tragischen Existenz. Mit der Veröffentlichung seiner ersten DVD wird der Hype um René Marik und seine Figuren wohl eine neue Stufe erreichen. Typischer Weise wäre es René dabei aber zu einfach und auch zu langweilig gewesen, bloß das Bühnenprogramm abzufilmen. Er zeigt seine Charaktere auch hinter der Bühne, im Tourbus unterwegs, in ihrem privaten Touralltag. Neues Material für begierige Fans, ein Roadmovie für Puppen, das nach den Muppets und den Fraggles die Puppenspielkunst zu neuen Ufern trägt. Und wie könnte sein Titel anders lauten als: "Autschn!"… "