Nneka
Diese Musik in meiner Werbung NNEKA - SOUL IS HEAVYWäre sie keine Musikerin, Nneka hätte eine exzellente investigative Journalistin abgegeben.
Oder sie wäre vielleicht Philosophin geworden. Tatsächlich stecken Bestandteile beider
Disziplinen in ihrer Kunst. Denn sie stellt über ihr gesamtes drittes Album Soul Is Heavy
hinweg Fragen. Sie befragt Freunde, ihre nigerianischen Landsleute, Politiker, Gott, das
Universum ... und vor allem hinterfragt sie sich selbst.
„Es würde keinen Sinn ergeben nur mit dem Finger auf andere zu zeigen“, gibt sie zu. Ihre
Musik und ihre Haltung sind bohrend, sogar konfrontativ, aber niemals belehrend. „Es ist
wichtig zu erkennen, dass man selbst auch Teil des Systems ist und der einzige Weg, die
Dinge in den Griff zu bekommen, ist zu begreifen, dass wir derselben Entität angehören.“
„In meinem Kopf laufen ständig kleine Schlachten ab“, fährt sie, auf die Kämpfe
angesprochen, die ihre Arbeit ausmachen, fort. Jeder hat sein eigenes existenzielles
Dilemma, aber die meisten Menschen geben sich damit zufrieden, aufzuwachen, zur Arbeit
zu gehen, ein paar Bier zu trinken, am Abend Videospiele zu spielen und die Welt an sich
vorbeiziehen zu lassen. Nicht Nneka. „Ich bin der Typ Mensch, der Dinge immer infrage
stellen muss. Das hat viel damit zu tun, wie ich erzogen wurde und mit meinem Umfeld.“
In Warri, in der Deltaregion Nigerias geboren und aufgewachsen, sah Nneka Egbuna dabei
zu, wie die Stadt und ihre Einwohner mit den Auswirkungen des neuen Wohlstands rangen.
Drei Jahrzehnte später sind Stromausfälle noch immer Teil des täglichen Lebens in Nigeria;
einer ölreichen Nation, geplagt von Benzinknappheit, in der Stammessysteme und
Ungleichheit in Wohlstand und politischer Macht die Trennung der Klassen immer weiter
verankert. „All das hat viel damit zu tun, warum ich so bin wie ich bin, obwohl ich mittlerweile
die Möglichkeit habe viel zu reisen und die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.“
Mit 19 verlässt Nneka Afrika in Richtung Universität Hamburg, wo sie Anthropologie studiert -
auch noch, als ihre musikalische Karriere bereits in Gang kommt. Wegen seiner Verbindung
aus zeitlosen Grooves, zeitgenössischer Technik und der Black Consciousness des 21.
Jahrhunderts wurde ihr 2005er Debüt Victim Of Truth von der britischen Presse gepriesen.
„Genauso gut wie The Miseducation of Lauryn Hill“, trompetete The Sunday Times. Sein
Nachfolger aus dem Jahr 2008, No Longer At Ease, beeindruckte Rockstar Lenny Kravitz so
sehr, dass er sie sofort bat, ihn auf seiner Tour zu begleiten. Für ihr US-Debüt wurde 2010
eine Auswahl aus beiden Alben - inklusive des internationalen Hits „Heartbeat“ -
zusammengestellt. Concrete Jungle bewies Nordamerika, was der Rest der Welt bereits
wusste: Nneka ist ein einzigartiges, überragendes Talent, mit dem man rechnen muss.
In den drei Jahren nach der Veröffentlichung von No Longer At Ease geschrieben und
aufgenommen, wurden die fünfzehn Stücke auf Soul Is Heavy aus einem Bestand von
ungefähr fünfzig Songs ausgewählt, von denen Nneka viele komponiert hatte, als sie zurück
in Nigeria war (auch während in ihrem Apartment in Lagos ständig der Strom ausfiel). Sie
verbinden unzählige musikalische Stile: Reggae, HipHop, modernen R&B und Vintage Soul,
Afrobeat und sogar Elemente aus Flamenco und Sahara Desert Blues. Sie reichen vom
treibenden Opener „Lucifer (No Doubt)“ bis zum süßen und friedlichen „Shining Star“ und
vom wütenden „Camouflage“ bis hin zu verzweifelten, introspektiven Tracks wie „Valley“. Sie
alle sind unverkennbar Nneka.
In „My Home“ beleuchten triumphierende Bläser und erhebende Reggae-Rhythmen die Reise
der Sängerin ins Herz der Dunkelheit und eine ungewisse Zukunft. „Der Song handelt von der
Aufgabe, sich einen Platz im Leben zu suchen, an dem man sich wohlfühlt und nicht zu
wissen, wohin man dafür gehen soll. Und am Ende zu begreifen, dass es tatsächlich keinen
Frieden auf Erden gibt, bis man akzeptiert, dass sowohl gut als auch böse Teil des Lebens
sind. Es gibt kein totales Glück, nur die Suche nach einer gesunden Balance zwischen den
beiden Extremen.“
Der Titelsong „Soul Is Heavy“ kündigte die Albumveröffentlichung mit einem kraftvollen Video
an, das den nachdenklichen Text widerspiegelt und historische nigerianische Revolutionäre
wie Ken Saro-Wiwa, Isaac Boro und Jaja of Opobo beschwört.
Während Nneka ihre Enttäuschung darüber ausdrückt, dass die gleichen gesellschaftlichen
Übel, die Afrobeat-Legende Fela Anikulapo Kuti schon in seinem eigenen Werk
angesprochen hat - Unterdrückung, Korruption, Ölexport - noch immer bestehen, zeigt diese
inspirierende Hymne dennoch einen Ausweg auf. „Wir Nigerianer müssen aufhören uns
voneinander abzusondern, obwohl es bei uns 300 verschiedene Dialekte und Stämme gibt.
Die Dinge würden besser stehen, wenn wir uns als eins wahrnehmen würden.“
Soul Is Heavy bietet außerdem bemerkenswerte Kollaborationen. Auf „God Knows Why“,
einem schonungslosen Lied über Heuchelei, geistige Sklaverei und die Tücken von Wissen
ohne zu hinterfragen, gibt Black Thought einen Vers zum Besten. „Ich fühlte, dass er etwas
mit dem Kontext und dem Inhalt des Songs anfangen kann“, sagt Nneka, die in der
Vergangenheit schon mit The Roots gearbeitet hat. „Dass ich Black Thought nicht viel würde
erklären müssen - und genau so ist es gewesen.“ Mercury Music Prize und BRIT-Award-
Gewinnerin Ms. Dynamite hilft dabei „Sleep“ in Brand zu setzen. Ein Track inspiriert von
Nnekas Kämpfen mit der Schlaflosigkeit auf Reisen und den Gedanken und Gefühlen, die sie
nachts wach halten.
Auf dem Herzstück des Albums, dem eindringlichen „J“, nimmt Nneka ihre eigenen
Handlungen und Motive im Leben mit ihren Mitmenschen unter die Lupe. Während sie
ausgiebig ihr Gewissen prüft, versucht sie positive Energie ins Universum hinaus zu
schleudern und das Kunststück emotionaler Alchemie zu vollbringen. „Wenn du mir mit Hass
gegenübertrittst, werde ich dir mit Liebe begegnen. Ich muss stark sein, um diesen Hass in
Liebe zu verwandeln. Und je mehr du mich hasst, desto mehr werde ich dich lieben und desto
mehr werde ich dich dazu bringen, mich zu lieben."
Nnekas Songs mögen mit persönlichen Erfahrungen und hausgemachten Ansichten
beginnen, aber ihre Musik und ihre Aussagen sind erfüllt von globaler Anziehungskraft. Sie
überschreitet Grenzen, sowohl geografisch als auch ästhetisch. Unabhängig von der
Muttersprache des Zuhörers, hat Nnekas Gesang eine Unmittelbarkeit - ob pointiert („Don't
Even Think“) oder ergreifend („Stay“, „Do You Love Me Now“) - die jeder anerkennen kann.
Nneka ist untrennbar von der Welt, in der sie lebt und ihre Kunst spiegelt das auf jeder Ebene
wider. „Ich bin, was du hörst“, fasst sie treffend zusammen. „Ich könnte meine Musik gar nicht
von mir trennen.“

