Miike Snow

Diese Musik in meiner Werbung Miike Snow ist (oder besser gesagt: sind) ganz augenscheinlich in Spaßlaune. Wie anders ließe sich sonst der Name des zweiten Albums der dreiköpfigen Band mit dem ein-Personen-Namen und dem geheimnisumwitterten Wolperdinger-Bandlogo erklären? Der neue Longplayer, der sich stilistisch zwischen elektronischen und orchestralen Sounds (= "Orchatronic") bewegt, trägt den orthographisch verdächtigen Titel "Happy To You". Die naheliegende Frage ist nun: warum?

"Diese drei Worte stehen auf einem Schild, das in unserem Tonstudio hängt", erklärt der tätowierte und Grammy-preisgekrönte Top-Produzent mit schwedischem Pass, Christian Karlsson. "Der Satz stammt von einer alten Postkarte mit Schreibfehlern aus Thailand. Er hat zwar absolut nichts mit den Songs auf dem Album zu tun… aber er blieb irgendwie hängen."

Der Albumtitel ist allerdings nur ein klitzekleiner Partikel unter den vielen hochinteressanten Neuerungen im Hause Snow. Denn auf "Happy To You" beschreitet die Band (die als Band eigentlich nie hätte funktionieren sollen) neue Wege und zaubert unzählige neue Tricks aus dem Hut. Ihr zweites Album ist ein Fest der Hooklines und Melodien, die im Radio, im Club als auch auf großen Festival-Bühnen funktionieren können. Und darüber hinaus.

"Vor diesem Album waren wir nicht mehr als eine Idee", erklärt Karlssons Landsmann und Kollege Pontus Winnberg, "jetzt sind wir eine Band. Ein Zustand, den wir uns hart erarbeiten mussten. Wir waren 18 Monate lang in 27 Ländern auf Tour. Als wir uns an ‚Happy To You' machten, gingen wir nun als Einheit ins Studio. Emotional macht für uns einen großen Unterschied. Und wir hoffen, dass man das auch hört."

"Miike Snow ist für uns wie ein Kinderspielplatz", erklärt das dritte Bandmitglied, der langhaarige US-Singer-Songwriter Andrew Wyatt. "Ich denke nicht, dass sich unsere Musik einem bestimmten Genre zuordnen lässt. Einige Leute wollen uns generell in die Dance-Schublade stecken, aber ich denke nicht, dass man das bei diesem Album machen kann. Selbst unsere ‚Dancesongs' sind nicht wirklich ‚clubby'…"
Wie also würden die drei selbst den Stil des Follow-Up-Albums zu ihrem selbst betitelten Debüt (das sich 2009 weltweit mehr als 200.000 Mal verkaufte) definieren? Wyatt zieht die Augenbrauen hoch, überlegt kurz - und schlägt schließlich "Fun-da-mental" vor. "Denn das Ding ist einfach ‚da mental'". (bitte dazu denken: authentische HipHop-Geste)

Pontus Winnberg nutzt die Pause der "Geheim-Session", bei der das Design der kommenden Live-Shows festgelegt wird, um sich in die Diskussion einzuschalten. "Es ist wie viele Sachen bei uns - wir wollen eigentlich nicht wirklich sagen, was die Songtitel bedeuten, wovon die Texte handeln oder was wir uns dabei gedacht haben. Uns ist es lieber, die Menschen lassen unsere Musik in ihre Köpfe und ihr Leben und stellen ihre ganz persönlichen Interpretationen an. Es ist schön, wenn ein wenig Rätselhaftigkeit bleibt."

"Happy To You" und natürlich auch "happy to be here": Miike Snow melden sich mit einem großen, teils gewagten, aber jederzeit bunten Album zurück, dass vor Hooklines, (Break-)Beats und noch mehr Hooklines nur so strotzt. Und ja: das, was auf dem Album zu hören ist, sind echte Streicher. Und - na klar - auch ein richtiges Blasorchester war am Start.

Miike Snow wurde einst als eine Art nebenberufliches Ad-Hoc-Projekt ins Leben gerufen. Wyatt hatte zuvor u.a. mit Mark Ronson gearbeitet, das Produzenten/Songwriting-Team Winnberg und Karlsson hatte als Bloodshy & Avant diverse Dancefloor-Welthits rausgezimmert, darunter die Britney-Spears-Singles "Toxic" und "Piece Of Me". Zusammen spielten sie vor zwei Jahren ein Album ein, dessen Songs über zweihundert Mal in Filmen, Fernsehsendungen und Werbeclips verwendet wurde - in Hollywood und auf der ganzen Welt. Überraschend kam auch die Popularität der Singles "Animal", "Black & Blue" und "Silvia" - die plötzlich ÜBERALL zu sein schienen (und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit just in diesem Moment in einem Radio, einem Computerspiel, einem Filmsoundtrack oder einem Fernseher irgendwo auch in deiner Nähe laufen).

Achtzehn lange Monate tourten sie mit dem Album durch die Welt, vor sich ein nicht enden wollendes Schedule an Auftritten, ein Husaren-Ritt in eine fantastische Welt voller Abenteuer, auf dem Rücken des bandeigenen "Jackalopes", des ebenso berühmten wie mystischen gehörnten Hasen, der seit Anbeginn sämtliche Veröffentlichungen der Band ziert. Der rasante Erfolg des Trios machte sich auch in ganz profanen Dingen bemerkbar: mussten sie zu Beginn ihrer 260 Dates umfassenden Konzertreise noch ihr eigenes Equipment in den runtergerockten Lieferwagen packen, so rauschten sie gegen Ende mit Kisten voll innovativer High-End-Ausrüstung in einem glänzenden Schwebe-Bus mit Flügeln um die Welt (oder so ähnlich).

Auch in TV-Shows waren die Drei gern gesehene Gäste. Einen fantastischen Live-Auftritt hatten sie z.B. in der britischen Sendung "Later… with Jools Holland". "Beim ersten Mal spielten wir dort mit Smokey Robinson", erinnert sich Wyatt, "mehr geht ja eigentlich überhaupt nicht. Danach kamen Yoko Ono, Eric Clapton, The Dead Weather und Basement Jaxx. DAS nenne ich mal Konkurrenz".

Sie erklommen die schwindelerregenden Höhen von Kolumbien und Chile, wo sie in 3000-er-Clubs auftraten. "Hunderte von Menschen sangen jeden unserer Songs mit", erinnert sich Karlsson. "Und das, bevor das Album überhaupt veröffentlicht war!" Sie krönten ihre Konzertsaison mit Auftritten bei den weltbesten Festivals, von Coachella bis Glastonbury.

Irgendwann im vergangenen Frühling kehrten Miike Snow schließlich von ihrer Tour zurück und begaben sich schnurstracks in Stockholm ins Studio. Sie gingen davon aus, dass sie ein Jahr für das nächste Album brauchen würden. Aber das war ihnen egal.

"Wir sehnten uns danach, wieder ins Studio zu gehen", sagt Karlsson, "denn vor Miike Snow waren wir zehn Jahre lang jeden Tag dort. Auf Tour zu sein, war absolut neu für uns." "Das Studio ist für uns eine Art Zuhause", ergänzt Winnberg. "Vor der Miike Snow-Tour war ich seit meinem15. Lebensjahr nahezu jeden Tag im Studio - mehr als ich zuhause war. Es wurde für mich zu einer Art ‚Wohlfühlraum'. Noch dazu hatte ich den Eindruck, dass wir nach der Tour Unmengen von Ideen für unsere musikalische Weiterentwicklung angesammelt hatten. Wir hatten einen unfassbaren Drang, Sachen auszuprobieren."

Das Schreiben und die Aufnahmen ihres Debütalbums hatten seinerzeit etappenweise stattgefunden. Wyatt pendelte zwischen Stockholm und New York hin und her, wo er arbeitsintensive Wochen erlebte. "Niemand erwartete irgendetwas von dem ersten Album", erklärt er. "Wir wussten gerade mal, dass wir ein Album machen wollten, mehr aber auch nicht. Wir hatten keine Ahnung, ob wir jemanden finden würden, der uns als Band managen oder unser Album veröffentlichen würde".

Diesmal sollte die Sache, u.a. beschwingt vom Erfolg des "Zufalls-Albums", ganz anders laufen. Wyatt zog nach Stockholm - ein Ortswechsel, der sowohl musikalisch als auch persönlich Sinn machte. Die Idee zu dem neuen Song "Archipelago", einer stakkatohaften Klavier-Hymne, entstand während eines Flugs über dem Stockholm Archipel. "Ich hatte mich gerade von meiner Ex-Freundin getrennt", erinnert sich Wyatt, der alle Songtexte schreibt. "Sie ist Schwedin, aber ich hatte sie in New York kennengelernt. Sie lebte in New York und war eine richtige New Yorkerin. Als ich nach Stockholm reinflog, sah ich nun, wo sie aufgewachsen war. Im gleichen Moment begann ich zu erkennen, welche Fehler ich in der Beziehung gemacht hatte. Über all diese Dinge dachte ich im Flugzeug nach…"

Angetrieben von ihrem Ideenreichtum schotteten sich Miike Snow in ihrem eigenen Studio "Robot Mountain" ab und wohnten in einer vierhundert Jahre alten ehemaligen Feuerwache. In kürzester Zeit hatten sie viele brauchbare Songideen beisammen. Sie arbeiteten im Team, alleine oder wechselten sich ab. "Wir organisierten den Produktionsablauf diesmal anders", erklärt Karlsson. "Wir arbeiteten nicht nur an einem Song, sondern an mehreren gleichzeitig - und jeder arbeitete an jedem Stück mit. Mir gefiel das sehr gut, denn so konnte man herumexperimentieren, wenn gerade niemand neben einem saß. Ich ging meistens morgens ins Studio, und da Andrew die ganze Nacht dort verbracht hatte, konnte ich sofort weiterarbeiten. Wenn ich dann ging, kam er wieder… Die Dynamik der Songwritings und der Songs hat sich dadurch definitiv verändert."

"Für uns drei ist der Unterschied zwischen Songwriting, Produktion, Mischen und Aufnehmen sehr fließend - man ist in einer großen Blase. Wir hatten rund um die Uhr Action", so Winnberg. Und das gleich in drei Studios: neben ihren Räumlichkeiten im "Robot Mountain" nutzten Miike Snow u.a. ein altes Studio, in dem ABBA in den Siebzigern aufgenommen hatten. "Es war voll mit altem Equipment. Wir spielten dort das Schlagzeug und alle Akustikinstrumente ein. Das gab dem Album eine gewisse klassische Atmosphäre. Und es herrscht dort ein toller Vibe. Wir hingen dort ziemlich oft rum."

Die frühmorgendliche After-Party-Stimmung der monatelangen Tournee spürt man u.a. auf zwei großartigen Tracks des Albums, die mit geschmeidigem Italo-House-Piano aufwarten. Das erste Stück, das bereits vorab an die Öffentlichkeit gelangte, war das schmissige "Devil's Work". Nachdem BBC-DJ Zane Lowe den Song Anfang Dezember in seiner Show Radio One gespielt hatte, schoss "Devil's Work" sofort an die Spitze der "Hype Machine"-Charts. Die erste offizielle Single des Albums, "Paddling Out", ist laut Winnberg eine Hommage an jene Art Disco-Inferno, das er schon viel zu lange nicht mehr gehört hat. Mit dem Frühneunziger-Breakbeatsound des Songs "Pretender" zollt das Trio der Musik Tribut, mit der Karlsson aufwuchs.

Anstatt ihre Ideen bequem mit einem Mac umzusetzen, entschieden sich Miike Snow für das Motto: "keep it real (man)" und holten sich Streicher und eine Blaskapelle ins Studio. Kein Wunder also, dass man "Devil's Work" auch gut und gerne den Untertitel "Orchtronica" verpassen könnte, dass der Song "Bavarian#1 (Say You Will)" von unwiderstehlicher perkussiver Dynamik angetrieben wird und dass der niederschmetternde Text von "God Help This Divorce" von einem psychedelisch-klassischen Arrangement umschmeichelt wird. "Es schildert, was eigentlich wirklich vor sich geht, wenn sich ein Paar trennt", so Wyatt über das Stück, mit dem Miike Snow einer Ballade bislang am nächsten kommen. "Es ist der langsamste Song, den wir je aufgenommen haben."

Ein wenig weiter oben auf der BPM-Skala ist das Stück "Vase" angesiedelt, ein epischer Techno-Soul-Song mit dezentem Breakbeat-Flavour, der sich bestens zum Mitsingen eignet. "Black Tin Box" strotzt nur so vor Innovationsehrgeiz: hier lässt die Band ihre Songwiter-Skills brillieren, während im Hintergrund finstere Beats vor sich hinwummern, zu denen sich später Steel Drums hinzu gesellen. Über allem schwebt Wyatts geisterhafte Maschinen-Gesang, der sich auch vom Gastauftritt der schwedischen Pop-Zauberin Lykke Li nicht weiter irritieren lässt.

"Wir können so viele verschiedene Dinge, warum sollten wir also etwas machen, was wir schon einmal getan haben?", erläutert Wyatt den unablässigen Drang nach neuen musikalischen Abenteuern, der auf "Happy To You" vorherrscht. Hier trifft organisch auf elektronisch, Pfeifen auf Raven und es gilt ein generelles Gitarrenverbot. "Manchmal kann es durchaus ein Zugewinn sein, wenn man ein paar Optionen ausschließt. Und es macht einfach Spaß, verrückte Sachen auszuprobieren und Gegensätze zusammen zu bringen, die theoretisch eigentlich nicht zusammen passen dürften".

Die Band, die als Band eigentlich nie hätte funktionieren sollen, beschreitet neue Wege und zaubert unzählige neue Tricks aus dem Hut. Ihr zweites Album ist ein Fest der Hooklines und Melodien, die sowohl im Radio, im Club als auch auf großen Festival-Bühnen funktionieren können. Und darüber hinaus.

…vielleicht aber auch nicht. In jedem Fall sind Miike Snows "Song-Songs" epische, melodiöse Wunderwerke. Der "Jackalope" ist zurück, und er hat zusätzliche Hörner. Und Trompeten. Und Streicher. Und Glockenspiel. Und alles.