Massiv

Diese Musik in meiner Werbung Sein Weg ist beispiellos. Niemand im deutschen Rap, ja, sogar niemand in der deutschen Musiklandschaft hat auch nur ansatzweise ähnliches in Kauf genommen, um einen Plattenvertrag in den Händen zu halten. Doch scheinen das die allermeisten nach den Schüssen auf Massiv im Januar 2008 vergessen zu haben.
Plötzlich war nicht mehr von dem Jungen aus der Pfalz die Rede, der sich in die Hauptstadt aufmachte, weil er einen Traum hatte. Auf einmal unterstellten die Medien Massiv, er habe das Attentat auf sich selbst inszeniert, um, nach dem Vorbild amerikanischer Gangster-Rapper, mehr Platten zu verkaufen. Von heute auf morgen war Massiv zum Buhmann geworden. Er musste nicht nur mediale Mutmaßungen über sich ergehen lassen. Er durfte auch erleben, wovor es vielen öffentlichen Menschen graut: Erst von den Medien umgarnt zu werden, weil sie mit seiner Geschichte Auflage und Quote machen wollen, um dann von denselben Medien durch den Dreck gezogen zu werden.
Daraus zieht Massiv nun die Konsequenzen. Zur Veröffentlichung seines neuen Albums "Meine Zeit" wird er davon absehen, mit Redakteuren und Journalisten der Mainstream-Medien zu sprechen. Überhaupt: Hat sich eigentlich irgendein Journalist, der in den Tagen nach den Schüssen vor seiner Wohnung herumlungerte, gefragt, wie sich Massiv oder seine Eltern fühlen? Ist irgendeinem in den Sinn gekommen, dass Massiv die Schüsse nicht medial ausgeschlachtet hat, wie er es eigentlich hätte tun müssen, wäre alles eine Inszenierung gewesen? Er zog sich zurück, obwohl sein Leben, sein Handeln die letzten zwei Jahre genau auf diesen Moment hinauslief, da sein Major-Album veröffentlicht werden sollte.
Und so erschien schließlich am ersten Februar 2008 "Ein Mann, Ein Wort", begleitet von wilden Spekulationen um den Vorfall im Januar in Berlin Neukölln. Die allermeisten hörten auf dem Album den fiesen Gangster-Rapper, den sie erwartet hatten und hören wollten. Die leisen, um nicht zu sagen poetischen, bilderreichen Zeilen, die Massiv auf der LP anstimmte, nahmen viele kaum war. Es passte ja auch nicht ins Bild, dass so ein "Prototyp Kanake" mit Oberarmen wie anderer Leute Oberschenkel, andere Seiten von sich zeigt. Doch genau in denen liegt mindestens genau so seine Stärke wie in den brachialen Reportagen vom unteren Ende der Gesellschaft, die Massiv wie kein anderer mit seiner einzigartigen Stimme und dem entsprechenden Ausdruck auf die Beats legt.
Wenn nun im Frühjahr 2009 sein neues Album erscheint, wird man es noch mal mit einem deutlich verbesserten Massiv zu tun bekommen. "Meine Zeit" ist es betitelt. Und in der Tat hört man da einen Rapper, der seinen vorläufigen Zenit erreicht hat. So hat Massiv Songs geschaffen wie "Hand in Hand", auf dem er die Vorzüge des Lebens in der Bundesrepublik gut beobachtet in Reimform verpackt hat. Dies aus dem Mund des "Prototyp Kanaken" zu hören sollte eigentlich als Selbstverständlichkeit gesehen werden. Doch in Zeiten, da der erste türkischstämmige Tatort-Kommissar als Besonderheit gilt, ist "Hand in Hand" ein schönes Statement für eine doch nicht immer gescheiterte Integration.
Dazu gibt es einen echten Lovesong, auf dem Massiv entwaffnend ehrlich erzählt, wie er sich in seine Freundin verliebt hat. Ohnehin, es ist nun seine Zeit, wie er auf dem Titelsong des Albums klarstellt. "Meine Zeit", das heißt, Massiv scheißt auf seine Neider und tut das, was er am liebsten tut: Musik machen, und zwar die mit dem "gewissen Etwas". Natürlich bleibt Massiv dabei "Ein Mann aus dem Volk ist", der sich grundsätzlich nicht über seine Hörer stellt, auch wenn er zwischendurch einen Ausflug macht nach "Hollyhood", wo er sich an der deutschen C- und B - Promi-Welt belustigt. Ohnehin scheint auf dem neuen Album, auch wenn viele genau das Massiv nie zugetraut haben, ein Subtiler Humor durch, der wunderbar mit all den Worten spielt, die über ihn gesprochen wurden. Mit dieser unerwarteten Waffe liefert Massiv denn auch noch zwei Songs, deren Titel allein in der mitteilungsbedürftigen deutschen Rap-Sezne für Diskussion sorgen werden: "Ich bin Deutscher Hip Hop" und "King Of Rap".
Zur Seite steht Massiv auf "Meine Zeit, neben seinen beiden Al-Massiva-Löwen Beirut und dem frisch gesignten Münchner Sonic, unter anderen CJ Taylor. Der Sänger von Rapsoul haucht dem Song "Es zählt jede Sekunde" mit seiner Stimme eine unter die Haut gehende Prise Soul ein, und unterstreicht mit ihr die Botschaft des Songs, dass die Menschheit sich anstrengen muss, wenn sie ihren Planeten erhalten will. Massiv meint das ernst. Er will sich nicht nur mithilfe eines Bildes an all die schönen Dinge erinnern, über die man in Zukunft vielleicht nur noch in der Vergangenheit sprechen wird. Die Themen, die man von Massiv erwartet, die Reportagen aus den Brennpunkten, gibt es freilich auch. Doch schafft er es, dabei stets auf dem schmalen Grad zwischen Kitsch und überzogener Brutalität zu wandeln und nicht in eines der beiden lächerlichen Extreme abzurutschen. Als Überraschungsgast erwartet den Hörer auf "Meine Zeit" der Soul-Sänger Mario Winans. Höchste Zeit also, dass seine Zeit beginnt, eine Zeit, die er begehen kann, weil er musikalisch zu sich gefunden hat und weil er weiß, was er kann.