José Feliciano

Diese Musik in meiner Werbung JOSÉ FELICIANO

Blind geboren zu werden, ist in jeder Gesellschaft ein Handicap. Doch blind in einem der Armenhäuser dieser Welt und als einer von sieben Brüdern geboren zu werden - das ist schon fast eine Garantie für ein Leben voller Benachteiligung und Armut. Und doch schaffte José Montserrat Feliciano, der am 2. September 1945 in Puerto Rico zur Welt kam, den Aufstieg vom Aschenputtel zum Multimillionär. Einen Grundstein dafür legten seine Eltern, als sie 1950 nach New York umzogen.

Sein musikalisches Talent war freilich seiner Familie schon zu dieser Zeit bekannt. Bereits als Dreijähriger hatte er begonnen, rhythmisch auf Keksdosen zu trommeln. Und auf einem gebrauchten Akkordeon, das ihm seine Mutter geschenkt hatte als er vier Jahre war, spielte er Melodien nach, die er zuhause auf den verkratzten Platten hörte. So war es keine Überraschung, dass der Achtjährige, nachdem er für den stolzen Preis von 10 Dollar eine Gitarre erstanden hatte, schon wenige Wochen danach im El Teatro Puerto Rico im New Yorker Stadtteil The Bronx erstmals öffentlich auftrat. Nicht nur diese Vorstellung, sondern vor allem die Tatsache, dass er häufig mit seinem Instrument auf der Straße spielte, machten ihn in seinem Stadtteil schnell zu einem festen Bestandteil des Straßenbildes. Allerdings konnte er damit seinen Lebensunterhalt nicht verdienen, denn die Bronx gehört nicht gerade zu den besseren Stadtteilen der Metropole und so ging er mit 16 ins Studenten- und Künstlerviertel Greenwich Village, wo er sich als Straßenmusiker durchschlagen wollte. Doch seine Eltern bestanden auf einem College-Abschluß. Einfach nur "Musik zu machen", hielten sie für eine schlechte Alternative.

So kam es zum unvermeidlichen Konflikt in der Familie, als man ihn vor die Alternative College oder Musik stellte. Sein Standpunkt war für ihn ebenso klar wie der seiner Eltern - nur eben leider gegensätzlich! Von da an lebte José Feliciano im wahrsten Sinne des Wortes von der Hand in den Mund, denn mit seiner Hand, die die Gitarrensaiten zupfte, verdiente er das, wovon er leben musste. Ob in Cafés, Clubs oder auf der Straße: Etwas anderes als Musik wollte er nicht machen. Hätte er nicht die Begabung eines wirklich großen Musikers gehabt, wäre er wahrscheinlich wie viele andere in dieser Zeit gescheitert. Doch er hatte die Qualität und er hatte Glück: 1963 trat er in dem renommierten Folkclub Gerde's Folkcity auf, wo am gleichen Abend ein Talentsucher von RCA eigentlich einen anderen Musiker testen wollte. Doch José begeisterte diesen so sehr, dass ein Plattenvertrag mit Feliciano zustande kam. Allerdings war schnell klar, dass für den südamerikanischen Markt produziert werden sollte, besonders nachdem Josés Debütsingle, der poppige Click Song gefloppt war. Bei dieser Einschränkung blieb es die nächsten vier Jahre - übrigens nicht zum Nachteil von Feliciano, der damit einen behutsamen Weg nach oben nahm. Sein Rezept bis 1968 hieß spanische Folklore und verschaffte ihm einen ausgezeichneten Namen in Südamerika. Hier trat er z.B. 1966 vor 100 000 Menschen auf dem Mar del Plata-Festival nahe Buenos Aires auf.

Dennoch strebte José Feliciano ganz bewusst den Massenmarkt in seiner Wahlheimat USA an und hatte nach dem Erfolg in Südamerika bei seiner Plattenfirma genügend Einfluss, seine Vorstellungen durchsetzen zu können. Diese waren, um es auf einen Nenner zu bringen, eine Symbiose aus lateinamerikanischer Musik, westlichem Pop und schwarzem Soul, zu denen er noch sein virtuoses Gitarrenspiel und seinen unverkennbaren Gesang beisteuerte. Im Nachhinein könnte man sich fragen, warum dies die Manager bei RCA nicht sofort erkannten, man muss aber fairer Weise daran erinnern, dass Anfang der 60er, als Feliciano unter Vertrag genommen wurde, "Folk" das Gebot der Stunde war und Soul und Rock erst danach ihren unaufhaltsamen Aufstieg feierten. Genau in diese Lücke stieß José, und er hätte kaum einen besseren Zeitpunkt für sein erstes amerikanisches Album Feliciano! finden können als das Jahr 1968, als sich mit den Beatles und diversen anglo-amerikanischen Gruppen der US-Markt für die Popmusik öffnete. Dies nutzte z.B. Berry Gordy jr., um mit seiner Schallplattenfirma Motown (wo übrigens Feliciano in den 80er Jahren seine bereits phantastische Karriere mit weiteren Erfolgen fortsetzte) schwarze Musik für den weißen Markt kompatibel zu machen. Auf der anderen Seite bot die LP Feliciano! eine äußerst clevere Verbindung von unterschiedlichen traditionellen und modernen Stilelementen aus der Pop-, Rock- und Folkmusik an. Neben einigen Eigenkompositionen sind vor allem seine Versionen von Hits wie Light My Fire und California Dreaming ebenso unvergesslich wie die Interpretation des Soulklassikers Sunny. Prompt landete er mit der obengenannten LP auf Platz 1 der amerikanischen Verkaufscharts und mit seiner ganz eigenen unvergleichlichen Interpretation des Doors-Klassikers Light My Fire in den US- und UK-Singlecharts. Mit Hi-Heel Sneakers folgte noch im selben Jahr ein weiterer großer Treffer.

Doch seinen wirklich großen Durchbruch feierte er wohl, als José vor einem Spiel der amerikanischen Baseballmeisterschaft in Detroit gebeten wurde, wie üblich die Nationalhymne zu intonieren. Mit seiner Fassung des Star Spangled Banner sorgte er vor einem Millionenpublikum für eine echte Sensation: Das war nicht die Hymne der weißen Mittelschicht, sondern ein souliger Song, mit dem sich die schwarzen Spieler wohl wesentlich mehr anfreunden konnten als ihre weißen Kameraden. Von da an war Feliciano ein Begriff, landete mit schöner Regelmäßigkeit Hits - wie seine Version der spanischen Hymne Che Sara, mit der er auch in Deutschland einen Riesenhit hatte. Diesem Hit folgten hierzulande mehrere erfolgreiche Konzert-Tourneen. José Feliciano hat bis heute weit mehr als 100 Millionen Tonträger verkauft und über 40 Goldene Schallplatten erhalten. Alljährlich erklingt auch pünktlich zur Weihnachtszeit sein berühmtes Lied Feliz Navidad in allen Ländern der Welt.

Diese CD versammelt erstmals komplett all jene Titel, mit denen José Feliciano in den amerikanischen, britischen und deutschen Hitparaden vertreten war, kombiniert mit seinen besten spanischen Songs und einigen erlesenen Album-Klassikern. So bekommt man zum ersten Mal den ganzen Feliciano -den folkloristischen Sänger spanischer Songs, den innovativen Interpreten von Liedern anderer Rock- und Popgrößen und natürlich den genialen Instrumentalisten zu hören: The Definite Best.

Martin Reichold
(Dank an Regine Sommerfeld)