Imogen Heap
Diese Musik in meiner Werbung Normalerweise ist die Londoner Sängerin, Songschreiberin und Produzentin Imogen Heap (war früher die eine Hälfte des Elektropop-Duos Frou Frou) ganz die zurückhaltende, kühle Schönheit. Im Moment aber erinnert die feingliedrige Brünette an eine aufgeregte Achtjährige, wie sie da sitzt und redet und ihre Begeisterung nicht verbergen kann. "Im vergangenen Jahr hatte ich eine Mission zu erfüllen", fängt sie an und während sie erzählt, kann sie die endlos langen Beine, die in pinkfarbenen Stilettos stecken, nur schwer still halten. Sie strahlt übers ganze Gesicht. Kein Zweifel, "Operation Imogen" läuft nach Plan. Nach zwölf Monaten konzentrierter Arbeit im Studio steht die aparte 27-jährige Britin kurz vor der Veröffentlichung ihres neuen Albums "Speak For Yourself".1998 erschien Imogens Debütalbum "I Megaphone" und 2002 wurde "Details" veröffentlicht, das Album, das sie als Frou Frou zusammen mit Guy Sigsworth aufgenommen hat. "Speak For Yourself" (erscheint auf Heaps Label Megaphonic) ist also die zweite Platte, die unter ihrem eigenen Namen herauskommt. Schon die vorab als Download erschienene Single "Hide and Seek" war in den Vereinigten Staaten ein großer Erfolg. Der Song lief im Abspann des Finales der zweiten Staffel der Kult-Serie "O.C. California", kletterte dann in den US-Billboard-Download-Charts auf Platz 32 und machte die Britin Imogen zum erfolgreichsten Elektronik-Act der Download-Chartwoche. Obwohl der Track nur bei iTunes erhältlich war (für die Downloadcharts werden noch mehr Musikseiten gewertet) und obendrein als Independent-Release, also ohne größere Marketinganstrengungen auf dem größten Musikmarkt der Welt bestehen musste, verkaufte er sich in nur einer Woche 9.700 mal.
Heap sitzt in einem mit Chiffon-Vorhängen und Lampen in Form von Schmetterlingen ausgestatteten Studio im Londoner Stadtteil Bermondsey. Shootingstar Dizzee Rascal hat hier sein Album "Showtime" aufgenommen, allerdings war die Deko damals noch anders. Ausgerüstet mit Pro-Tools-Software, quietschendem Kinderspielzeug und anderen, zum Teil recht unkonventionellen Instrumenten (wie etwa einer Konstruktion aus stabilen Pappröhren, auf denen normalerweise Teppichboden aufgerollt wird), hat sie hier ihr Album geschrieben, aufgenommen und produziert - ohne fremde Hilfe. "Ich wollte herausfinden, ob ich das wirklich schaffen kann", sagt sie mit einem stolzen Lächeln.
2003 hat Heap sich von Island Records getrennt, dem Label auf dem Frou Frous "Details" erschienen war. Das Label hatte großes Interesse an Imogens Soloalbum gezeigt, aber sie lehnte ab. "Mit siebzehn habe ich meinen ersten Plattenvertrag unterschrieben und ich war seitdem immer bei irgendeinem Label", erzählt die klassisch ausgebildete Musikerin. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich am Ende auf meinem eigenen Label veröffentliche, aber als ich mit dem Album fertig war, wollte ich es einfach nicht aus der Hand geben. Es steckte zu viel von mir drin."
Mit ihrem Frou-Frou-Produktionspartner Guy Sigsworth zusammenzuarbeiten war, so ist sie überzeugt, "die beste Lehre fürs Platten machen, die man sich vorstellen kann." Immerhin hat Vollprofi Sigsworth schon Künstlerinnen wie Madonna und Britney Spears produziert. Trotzdem war Imogen fest entschlossen, ihr nächstes Projekt komplett in Eigenregie anzugehen. "Es war nicht Guys schuld, aber bei Frou Frou hat automatisch jeder gedacht, dass der Mann die ganze Produktion macht, und das Mädchen - ich - nur dasteht und singt", erzählt Heap. "Ich fand das, gelinde gesagt, irritierend. Wir haben schließlich alles zusammen gemacht. Ich arbeite und programmiere am Mac seit ich zwölf bin, ist das so schwer zu glauben?" Nach ihrer Trennung von Universal/Island fand Heap, dass es Zeit für einen kompletten Neuanfang war. "Ich habe gerne mit Guy gearbeitet", sagt sie. "Ich habe wahnsinnig viel von ihm gelernt - und von den anderen Leuten, mit denen ich zu tun hatte. Aber jetzt wollte ich alleine sein."
Eigene Musik schreiben, aufnehmen und am Ende selbst besitzen ist ein ehrenwertes Ziel. Aber die Jung-Unternehmerin Heap musste schnell feststellen, dass ein Deal mit einem Label durchaus auch seine Vorteile hat. Auf eigene Faust Startkapital für Aufnahme und Produktion aufzutreiben, war schwieriger, als sie dachte. "Ich habe sämtlich Banken abgeklappert, aber keine wollte mir ein Darlehen geben", erzählt sie. "Am Ende war meine Kreditkarte mit zehntausend Pfund belastet und ich konnte meine Rechnungen nicht mehr bezahlen." Aber anstatt aufzugeben, fasste sie einen Entschluss, der nicht ohne existenzielles Risiko war - sie nahm eine Hypothek auf ihre Wohnung auf.
Und das Wagnis wurde belohnt. Von jetzt an lief alles wie am Schnürchen. Der Sachverständige, der den Wert ihrer Wohnung schätzen sollte, legte den Verkehrswert hoch genug fest, dass sie genug zusammenbekam um in Ruhe arbeiten zu können ("Es stellte sich heraus, dass er Frou-Frou-Fan war, ist das zu glauben?" erzählt sie). Am 9. Dezember 2003, ihrem sechsundzwanzigsten Geburtstag, konnte Heap endlich loslegen. "Ich schenkte mir die Ausrüstung, die ich brauchte als Geburtstagsgeschenk", erzählt sie. "Und ich buchte das Mastering für den 7. Dezember des folgenden Jahres. Das war meine persönliche Deadline - das fertige Album wollte ich mir zu meinem nächsten Geburtstag schenken."
Imogen fing also an zu arbeiten, ganz ohne externe Vorgaben. "Ich wollte mich überraschen lassen und sehen, was ich aus mir herausholen kann", erinnert sie sich. Nachdem die Hälfte der Platte fertig war, richtete sie den Online Blog www.imogenheap.com ein - als eine Art Selbstkontrolle. "Es gab Tage, an denen kam ich nicht voran, weil ich niemanden hatte, mit dem ich mich austauschen konnte", so Heap, "also entschied ich mich, ein Online-Tagebuch zu führen. Die Leute würden lesen können, was ich so mache. Wenn es völliger Quatsch wäre, würden sie es merken. Und außerdem hielt es mich davon ab, mich hängen zu lassen. Wenn ich nicht vorankam, half es mir schon, mein Problem einfach aufzuschreiben. Einmal habe ich die Leser sogar über meine Texte abstimmen lassen."
Imogen legte den Weg von ihrer Wohnung im Stadtteil Waterloo zum Studio gewöhnlich mit dem Fahrrad zurück. Während sie fuhr, hörte sie mal Elektro von Avril, Squarepusher und Cursor Minor, dann wieder zeitgenössische klassische Musik von Aryo Part und Ryuchi Sakamoto oder Pop-Punk-Rock von Cornelius oder den Foo Fighters. Vielleicht erklärt das den gewagten Genremix auf "Speak For Yourself".
Die Stücke sind zusammengesetzt aus Gesangslinien, die in Schichten übereinander liegen und damit gleich behandelt wurden wie die Piano-Parts, die Streicher und Gitarren. Und wie alle anderen Instrumente, so hat Heap auch ihre Stimme wieder und wieder bearbeitet um einen perfekten Sound zu erzielen. "Ich betrachte meine Stimme als mit allen anderen Teilen der Produktion gleichberechtigt und nicht als eine erhabene Linie, die zwangsläufig von einem untergeordneten Backing Track begleitet wird," erklärt sie. "Ich finde es toll, wie bizarr meine Stimme auf der fertigen Platte klingt. Man kann sie immer heraushören, egal, in welchen Sound sie eingebettet ist, weil sie so eigenwillig klingt."
Es sind die Details, die Heaps Produktion so einzigartig machen: Die unstete Dynamik, die Überraschungsmomente. Da sind Züge zu hören, die vor dem Studio vorbeirumpeln, leiser Atem, Flüstern und Stimmen, die dem elektronischen Sound etwas Warmes und Menschliches geben.
"Speak For Yourself" ist verletzlich, ehrlich und voller Emotionen. Basiert das Album auf persönlichen Erfahrungen? "Es ist schwierig, Songtexte über die Liebe zu schreiben, wenn man einen Partner hat, mit dem man glücklich ist", sagt Heap. "Also lasse ich meiner Fantasie freien Lauf und spinne mir etwas zusammen. Oder ich schreibe das auf, was Freunde erleben." Zu entscheiden, was der Wahrheit entspricht, und was ausgedacht ist, bleibt also dem Hörer überlassen. Da ist etwa das epische "The Moment I Said It", das letzte Stück des Albums, bei dem es um das Überbringen von unangenehmen Neuigkeiten geht oder das Elektro-A-Capella-Stück "Hide And Seek", ein Song über Lügen, Betrug und Trauer oder "Goodnight and Go", ein Stück über den Reiz einer verbotenen Liebe mit Heap-Fan Jeff Beck an der Gitarre.
Das Album ist fertig und Imogen kann ihr (hoch verdientes) Glück immer noch kaum fassen. "Es sind so viele tolle Sachen passiert", freut sie sich und lehnt sich zufrieden in ihrem gemütlichen Studio-Sessel zurück. Denn der wohlwollende Immobilien-Sachverständige war nur der Anfang. 2004 setzte Regisseur Zach Braff das Frou-Frou-Stück "Let Go" auf dem mit einem Grammy ausgezeichneten Soundtrack seines viel gelobten Regie-Debüts "Garden State" ein. Nicht zuletzt dank Braffs Hilfe war das Interesse an Imogens Album schon Monate vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin riesig: Ihre Stücke liefen in US-TV-Serien-Hits wie "CSI" und "Six Feet Under" (und natürlich "O.C. California") und sogar im Abspann des Kino-Hits "Die Chroniken von Narnia". Eine Reihe bekannter Künstler wollten Imogen Heap vor lauter Begeisterung am liebsten sofort als Produzentin für ihre kommenden Alben verpflichten.
"Speak For Yourself" in Eigenregie fertig zu stellen war Heaps größte persönliche Herausforderung und sie hat ihr selbstgesetztes Ziel mit Bravour erreicht. "Ich hatte immer eine sehr konkrete Vorstellung davon, wie meine Musik klingen soll, aber ich war mir nie sicher, ob ich damit wirklich richtig liege. Jetzt weiß ich, dass ich meinem eigenen Urteil trauen kann", lächelt sie. "Ich freue mich wie verrückt auf die nächsten Monate."

