Harry Belafonte

Diese Musik in meiner Werbung Dass Musiker relativ häufig ins Schauspielfach wechseln, ist so ungewöhnlich nicht. Vor Publikum zu agieren, ist letztlich die entscheidende Fähigkeit, die die beiden Sparten der Kunst verbindet und nicht nur das: Außerdem muss man, um erfolgreiche Konzerte zu geben, neben der Musik auch die Gabe besitzen, sich auf der Bühne auszuleben.

Doch nur wenige Musiker haben es zu einer so erfolgreichen Karriere in Film, Fernsehen und Theater gebracht wie der am 1. Mai 1927 in New York als Sohn einer jamaikanischen Mutter und eines Seemanns aus Martinique geborene Harry Belafonte. Mit den aus der Karibik stammenden Eltern lebte er als Kind u. a. auch fünf Jahre auf Jamaika. Nach seiner Schulzeit und einer zweijährigen Dienstzeit bei der Marine - damals herrschte der zweite Weltkrieg - kam er durch Freikarten erstmals in das American Negor Theater in New York und war davon so gefesselt, dass er sicjh entschloss, an der New School Of Social Research zu studieren. Daneben trat er in etllichen Produktionen des Theaters auf. Doch dabei blieb es nicht: Er belegte außerdem Kurse beim berühmten Dramatic Workshop, wo seine Kollegen unter anderem Marlon Brando und Tony Curtis hießen. Doch reich wurde er damit nicht und da er seine Freundin Marguerite Byrd geheiratet hatte, die ihr erstes Kind erwartete, musste er Geld verdienen und jobbte als Bote in der Textilindustrie in New York.

Glücklicherweise bedeutete dies jedoch nicht das Ende seiner Karriere. Kurz darauf bat ihn sein Bekannter Monte Kaye, der ihn von dem Drama Workshop her kannte, in dessen Jazzkneipe Royal Roost einige Songs zu singen. Das wurde zum Startschuss für seine Laufbahn, denn er kam so gut an, dass er sofort ein zweiwöchiges Engagement erhielt, das schließlich auf 20 Wochen ausgedehnt wurde. Trotz des Erfolgs auch der folgenden Auftritte in den Jazzclubs des Landes sah er darin nicht seine Berufung. Diese Musik war nicht das Genre, in dem er sich bewegen wollte. Er zog es deswegen vorerst vor, zusammen mit zwei Freunden ein Restaurant im New Yorker Künstler- und Studentenviertel Greenwich Village zu betreiben. Das war 1950 - eine Zeit, in der Folk-Musik in den USA sehr beliebt und erfolgreich war und Folkgruppen wie die Weavers um Woody Guthrie und Pete Seeger ihre großen Erfolge feierten. In der lockeren Atmosphäre im Restaurant kam es häufiger vor, dass Gäste einige Folksongs zum besten gaben. Das begeisterte Harry Belafonte, und zusammen mit dem Gitarristen Millard Thomas baute er nach und nach ein Repertoire aus alten und modernen Folktiteln auf. Mit unmittelbarem Erfolg stellte er dieses Repertoire 1950 erstmals im New Yorker Village Vanguard-Club vor. Von da an ging es sehr schnell: Plattenvertrag mit RCA, Rollen am Broadway und ein Filmvertrag machten Belafonte bis 1956 zu einem der erfolgreichsten schwarzen Entertainer überhaupt, der vor allem nie nur Musik machte, sondern immer er in allen Sparten des Showbusiness glänzte.

Belafonte überzeugte immer wieder mit seiner unnachahmlichen Art, Folklore - besonders die aus der Karibik, aber auch aus den USA oder dem Rest der Welt - zu präsentieren. Allein in den Jahren 1957 und 1958 hatte er acht Hits: Darunter waren Welterfolge wie der Titelsong des 1957 gedrehten Films mit Harry in der Hauptrolle Island In The Sun (Charts: D # 5 / GB # 3 / USA # 30), der unsterbliche Banana Boat Song (D # 1 / GB # 2 / USA # 5), Cocoanut Woman oder Mary's Boy Child (GB # 1 / USA # 12). Bereits 1956 hatte Harry weltweiten Erfolg mit Jamaica Farewell (D # 8 / USA # 14) gehabt. Als absolute Live-Attraktion übertraf er 1956 im New Yorker Lewisohn Stadion den seit 39 Jahren bestehenden Besucherrekord! Auch als Schauspieler überzeugte er in zahlreichen Bühnen- und Filmproduktionen.

Doch das stellte nur den äußeren, sozusagen hör- und sichtbaren Teil seines Engagements dar. Mit seinem sozialen und politischen Engagement bewies er, dass er tatsächlich die mit der Folkmusik seit den 30er Jahren einhergehende politische Richtung vertrat und überzeugend für die Rechte der farbigen Bevölkerung in den USA eintrat. So war es kein Wunder, dass er sich in den 60er Jahren eindeutig auf die Seite der schwarzen Bürgerrechtler stellte. In den 80er Jahren engagierte sich Belafonte für die Friedensbewegung und gegen die weltweite militärische Aufrüstung, was er auch mit Auftritten auf Kundgebungen in Deutschland untermauerte. 1987 übernahm Belafonte das Amt des UNICEF-Botschafters.

Wenige Künstler haben so wie er ihren Erfolg mit einer politischen Überzeugung verbunden - und das keineswegs mit Hilfe eines "Feigenblattes, sondern von Anfang an. Wer sich einmal den Text seines vielleicht größten Erfolgs, Banana Boat Song, anhört, wird feststellen, dass dieser keineswegs das Bild des lustigen Karibik-Lebens präsentiert, sondern ganz im Gegenteil das bittere Leid eines ausgebeuteten Arbeiters darstellt. Dennoch - oder gerade deswegen: Belafonte war bis weit in die 60er Jahre hinein einer der einflussreichsten Musiker überhaupt, dessen Bedeutung für die Folkmusik nicht zu unterschätzen ist. Mit seiner LP Calypso (1956) löste er einen Trend und eine Begeisterung für den gleichnamigen Stil aus, der ihm den Ehrentitel "King of Calypso" einbrachte. Doch allein daran liegt es nicht, dass er bis heute eine der ganz großen charismatischen Persönlichkeiten der Unterhaltungsbranche geblieben ist, sondern an einer seltenen Verquickung von Kreativität, Talent und Können. Dazu kam sein Sinn für gesellschaftliche Verpflichtungen sowie sein Gespür für Trends und aufstrebende Kollegen. So präsentierte er auf verschiedenen Touren Sängerinnen wie Odetta, Miriam Makeba und Nana Mouskouri und ebnete ihnen damit den Weg für spätere Erfolge. Überaus erfolgreiche Tourneen führten ihn rund um den Erdball - mit monatelang im voraus ausverkauften Konzerten und großen TV-Auftritten auch in Deutschland.

Martin Reichold
(Dank an Regina Sommerfeld)