Glasvegas
Diese Musik in meiner Werbung Sonnenuntergänge über Santa Monica... ‚Blade Runner' am Strand... ein Ständchen von Bono im Wembley Stadion... bei all dem könnte der Osten Glasgows nicht in weiterer Ferne liegen, und doch geht es für Glasvegas immer noch um das Gleiche wie eh und je: Leidenschaft. Seit ihrem Debüt-Meisterwerk "Glasvegas", das im September 2008 erschien (von der Kritik gefeiert, mit Platin ausgezeichnet und 2009 für den Mercury-Prize nominiert), hat die vierköpfige Band aus Glasgow unglaubliche Dinge erlebt: nicht enden wollende Tourneen durch Großbritannien, Europa, Japan und Amerika (ein Marathon aus sechs US-Touren zwischen Oktober 2008 und September 2009), Auftritte im Vorprogramm von Oasis, Kings of Leon und U2, eine Unzahl an Festivalteilnahmen weltweit, von Roskilde bis Glastonbury, von Benicassim bis T in The Park und Nominierungen für Preise einmal durch das gesamte Musikspektrum: NME, Q, Mojo, UK Music Video, Mercury Prize, XFM, Vodafone, UK Festival, Tartan Clef und die Rockbjornen Awards in Schweden, wo Glasvegas ganz besonders beliebt sind. "Es war die beste Zeit meines Lebens und eine unglaubliche Erfahrung", behauptet der stets poetische James Allan, talentierter Sänger, Texter und Haupt-Songwriter der Band. "Ich habe so viel Schönes gesehen. Ich habe es bemerkt und daran festgehalten. Ein paar Schatten sind mir nachts nach Hause gefolgt. Im Grab und auf dem Gipfel einer Welle. Es ist wie im Film ‚Forrest Gump', wo er am Wasser entlang läuft. ‚Ich weiß nicht, wo das Meer aufhörte und der Himmel anfing.' Es war großartig."In allen Teilen der Welt waren ganze Nationen begeistert von ihren grell erleuchteten, ekstatischen Live-Shows. Mit den Armen in der Luft und heiseren Kehlen grölten die Menschen mit vereinter Hingabe mit bei den unwiderstehlichen Singles, die längst zu Klassikern geworden sind. Mit ihren epischen Hymnen, die auf unnachahmliche Weise die brisantesten sozialen Aspekte unserer Zeit einfangen, lieferten Glasvegas eine poetische Alltagskritik zum Leben auf den Straßen ihrer Heimatstadt Glasgow ab - von "Daddy's Gone" (über den Schmerz, den abwesende Väter verursachen) über "Geraldine" (die Liebe wird dich nicht retten, aber vielleicht schafft es dein Sozialarbeiter) bis hin zu "Flowers & Football Tops" (eine Mutter trauert um ihren ermordeten Sohn).
Als die Band nach zwei Jahren ununterbrochener Touren im Dezember 2009 nach Glasgow zurückkehrte, entfernte sich James Allen in seinen Texten immer mehr von der Welt außerhalb seines Fensters und richtete seine Aufmerksamkeit auf die inneren Landschaften, auf das emotionale Auf und Ab der menschlichen Natur. Nach ihrer betörenden Weihnachts-EP "A Snowflake Fell (And It Felt Like A Kiss)" von 2008 (Die Themen für ein fröhliches Weihnachtsfest: in die Brüche gegangene Beziehungen / Einsamkeit / Obdachlosigkeit) erscheint nun ihr zweites reguläres Studiowerk "EUPHORIC /// HEARTBREAK \\\". Mit dem Album geht die Band über den für sie typisch gewordenen Phil-Spector-Sound hinaus und erreicht schimmernde neue Klangwelten des Elektro-Rock'n'Roll - noch größer, gewagter, heller und auf jeden Fall persönlicher und verzaubert vom Sternenstaub des Produktionstitanen Flood (U2, The Killers, Depeche Mode). Elf stadiontaugliche Thriller über Liebe, Verlust, Selbstmord, Verlangen, Sexualität, Scham, Hoffnung, Erlösung und die Suche nach dem Weg zum Glück. Eine Geschichte der Dunkelheit, die zu Licht wird. "Die neuen Songs sind voller Hoffnung", sagt James. "Für mich persönlich war es wie der Wunschzettel eines Erwachsenen an den Weihnachtsmann. Das Verlangen nach einer Geisteshaltung. Nach Erlösung, Befreiung und Glück. Wie es jeder kennt. Songs über eine gewonnene Liebe, eine verlorene Liebe, eine ersehnte Liebe, eine ungewollte Liebe. Ich bin nicht sicher, ob ich jemals ein Sozial-Kommentator war. Eher ein sozialer Tagträumer!"
Santa Monica, Kalifornien, Januar - Mai 2010
Drei Jahre nach der Veröffentlichung der Single "Daddy's Gone" (Sane Man Recordings, 2007) ließen sich die vier Bandmitglieder (der ehemalige Profi-Fußballer James Allen - Gesang, sein Cousin Rab Allan - Gitarre, Paul Donaghue - Bass und Caroline McKay - Schlagzeug), die sich einst auf den belagerten Straßen von Dalmarnock, Glasgow zusammenfanden und Glasvegas gründeten (und sofort von Oasis Label-Chef Alan McGee als "wichtigste schottische Band aller Zeiten" bezeichnet wurden), in Kalifornien nieder. Völlig erschöpft von der endlosen Zeit auf Tour richteten sie sich in einem riesigen, weißen, dreistöckigen, mehrere Millionen Dollar teuren Strandhaus ein Studio ein. "Auf Tour habe ich mich immer in Los Angeles wie zuhause gefühlt", sagt James. "Wahrscheinlich weil ich als Kind so viele Filme gesehen habe, die in Kalifornien spielten: ‚Karate Kid' oder ‚Teenwolf'. Als Michael J. Fox auf dem Wolfmobil stand und ‚Surfin' USA' sang, kam es mir wie ein anderer Planet vor, von dort wo ich aufgewachsen bin. Ich hatte Glasgow niemals verlassen, bis wir unseren Plattenvertrag unterzeichneten. Darum ist es eine Art Rock'n'Roll-Phantasie, jetzt ein Haus am Strand zu haben und Unfug anstellen zu können. Und außerdem wollte ich einfach eine Zeit lang das Meer anschauen."
2009 war ein aufregendes, chaotisches Jahr - das Jahr, in dem James für fünf Tage verschwand und so die Mercury-Preisverleihung verpasste, für die Glasvegas nominiert waren ("Preisverleihung sind immer etwas langweilig und ich war stattdessen in New York. Ich habe nicht großartig darüber nachgedacht.") Es war auch das Jahr, in dem er den Auftritt beim Coachella-Festival wegen Erschöpfung ausfallen ließ und das letzte Konzert auf der dritten Tour mit Kings of Leon absagte, da seine Stimme buchstäblich verschwunden war. "Ich war total krank, aber so etwas kann vermutlich jederzeit passieren", sagt er. "Es kann ziemlich ungesund sein, sich selbst so unter Druck zu setzen. Ich weiß nicht, ob es ein Drang ist, oder was auch immer."
Santa Monica war der Rahmen, der James zusätzliche Kraft gab, als er im Zwischengeschoss des Strandhauses die elf Songs für "EUPHORIC /// HEARTBREAK \\\" schrieb. Musikalisch, inhaltlich und emotional wurde er dabei von sehr unterschiedlichen Quellen beeinflusst: vom Sci-Fi-Klassiker "Blade Runner" von 1982 mit seinem Vangelis-Soundtrack über "Ebb Tide" von den Righteous Brothers und "Mr. Sandman" von den Chordettes bis hin zum endlosen Ozean selbst. "Und diese Sonnenuntergänge", fügt James hinzu. "Es war der leuchtendste, neonartigste Moment des Tages, dieses abgefahrene, fluoreszierende Licht. Ich sagte oft zu Rab, ‚Sieh dir das an, Kumpel, so ein wunderschöner Sonnenuntergang' und dann fügte ich in der Regel hinzu, ‚und morgen wird es wieder einen geben'. Und dann sagte Rab, ‚Ja schon, aber es wird nicht dieser Sonnenuntergang sein'. Und das ist das einzig Romantische, was Rab in seinem ganzen Leben von sich gegeben hat." James schrieb die Musik zunächst in seinem Kopf, während er am Strand spazierte. Die Ideen schossen auf ihn ein, als stammten sie aus einer anderen Welt. Die Inspiration für das abgehobene Epos "Euphoria, Take My Hand", traf ihn beispielsweise, als ein Feuerwerk über seinem Kopf explodierte und ins Meer eintauchte. "Es war, als wäre die Sonne im Wasser explodiert", sagt er lächelnd. "So hell und sprudelnd. Und das Wasser sah aus, als würde es mit der Musik tanzen. Alle sagten, dass es nicht möglich wäre, Songs wie diesen zu schreiben, wenn wir irgendwo anders wären. Wir hätten auch die Weihnachtsplatte nicht machen können, wenn wir nicht in Transsylvanien gewesen wären. Es sollte einfach so sein."
Das Ergebnis: eine überwältigende, breit gefächerte musikalische Landschaft zwischen Euphorie und Herzschmerz, als wäre David Lynchs "Twin Peaks"-Soundrack beschleunigt und im Geiste der Musik von Echo & the Bunnymen, Joy Division, Pet Shop Boys und Brian Enos Erfolgen mit Coldplay umgeschrieben worden. Während der fünf Monate, in denen das Album geschrieben wurde, zogen die vier Bandmitglieder Bilanz über die vorangegangenen zwei Jahre ("Wir hatten Zeit in den Spiegel zu schauen und uns selbst ein paar Fragen zu stellen."). Für Caroline McKay endete das in der Erkenntnis, dass ihre Zeit mit Glasvegas vorbei war - vielleicht ein Opfer des großen Erfolges der Band. "Ich habe gesehen, wie sie mit sich gerungen hat", sagt James über Caroline, die vorher keine Erfahrung als Schlagzeugerin hatte. "Sie hat nie um all das gebeten. Sie hat nie darum gebeten, bei den U2-Konzerten zu spielen, durch die ganze Welt zu touren, das zu tun, was sie für das Album getan hat. Aber es ist besser, dass sie gegangen ist und nicht noch Jahre unglücklich weitermacht. Da hätte niemand etwas von, verdammt. Sie ist jetzt glücklicher, viel glücklicher." Im Haus war aber auch Zeit für das ausgelassene Leben des Rock'n'Roll. Freunde kamen zu Besuch und zeitweise waren bis zu acht Personen im hauseigenen Whirlpool zusammengequetscht. Zweimal ließ James das Wasser laufen und flutete so das gesamte Haus. Die Band ging zu Partys in Los Angeles, beispielsweise zur Geburtstagsfeier ihrer Freundin Lisa-Marie Presley. Neue Freundschaften entstanden. Durch eine Zufallsbegegnung freundete sich James eines Nachts mit Hollywood-Veteranin Daryl Hannah an. "Eine umwerfende Frau, die in mir den Wunsch geweckt hat, ein besserer Mensch zu werden." Bei einem Besuch in ihrem Haus lernte James ihr Hausschwein Woodpecker und ihre Hühner kennen, von denen eines auf den Namen Iggy Pop hört. Ihr Zusammentreffen war ein "seltsamer Zufall", wenn man bedenkt, dass Daryl Hannah dreissig Jahre zuvor in "Blade Runner" gespielt hatte und dieser Film nun ein zentrales Thema in der Geisteshaltung von "EUPHORIC /// HEARTBREAK\\\" ist. "'Blade Runner' hatte diese kindlich-naive Vorstellung davon, wie die Zukunft wohl aussehen würde", sagt James. "Das post-apokalyptische Thema. Und ich schätze, dass wir auch auf viele Arten sehr kindlich und naiv waren. Wo wir standen, sowohl physisch als auch mental, hatte eine große Verbindung zu dieser Symbolik. Und im Mittelpunkt des Films steht diese schöne, verträumte Musik, wie ‚Tears in Rain.'"
2011 gehen Glasvegas mal wieder auf Welttournee. In den abgelegenen Gegenden Schottlands waren sie bereits und haben für Anhänger in Kirkwall, Wick, Forres, Oban, Dunoon, Troon, Hawick und Dunfermline gespielt. Ihre Auftritte im März 2011 waren innerhalb von Stunden ausverkauft - in ihrem geliebten Schweden sogar bereits nach sieben Minuten. Passenderweise hat die Band nun eine schwedische Schlagzeugerin: Jonna Lofgren ist eine Rock-Musikerin aus Boden mit vier Jahren Erfahrung als Schlagzeugerin. James bezeichnet sie als "unbeschriebenes Blatt. Sie überrascht uns immer wieder".
"EUPHORIC /// HEARTBREAK \\\" ist mit einem umfassenden, aufwendig produzierten Booklet ausgestattet. Das Titelbild zeigt eine Aufnahme von Marilyn Monroe, die George Barris gemacht hat, während sie ihren letzten Film "Something's Got To Give" drehte. Die Aufnahme entstand am Strand nur wenige Meter von der Stelle, an der Glasvegas nun ihr Album geschrieben haben. Neben den Songtexten ist außerdem ein bezauberndes Bild des Strands von Santa Monica enthalten. Die gesamte künstlerische Gestaltung spiegelt die andauernde Beziehung der Band zum Leben und den Arbeiten von Vincent Van Gogh wider, über den James einmal so schön sagte: "unsere Musik klingt so wie ‚Sternennacht' aussieht." (daher auch die gefühlsbetonten Nachthimmelansichten auf vorherigen CD-Booklets.) Dieses Mal nennt James das Gemälde ‚Weizenfeld mit Raben' als Inspiration, wegen des unruhigen Himmels und der verzweigten Pfade. Ein Gemälde, in dem es um Entscheidungen geht - und die sind auch ein weiteres Thema dieses überwältigenden, erlösenden und wahnsinnig persönlichen Albums. "Manchmal bin ich nicht sicher, ob ich wirklich diesen ganzen persönlichen Kram schreiben will", sagt James. "Aber ich kann nichts dagegen tun. Es scheint einfach zu passieren. Manchmal denkst du, ‚Scheiße, ich habe mich viel zu sehr und viel zu häufig geöffnet. Aber wenn du abends im Bett liegst und dich fragst, ob es irgendeinen Sinn ergibt, in dieser Band zu sein, dann wird dir klar, dass da ein Sinn ist. Denn du singst nicht einfach über gar nichts. Es ist echt und es ist aufrichtig."
Das Album ist "zwei Jahre älter und stärker als das erste, wie ein großer Bruder", fügt er hinzu. Ein grandioses Beispiel für emotionale Reife, von der unsere kulturell chaotische Zeit nur profitieren kann. Schließlich ist dies nicht die Zeit für bedeutungslose Musik.
"Ich denke schon", resümiert James. "Aber auf der anderen Seite, schreibe ich diese Lieder nur, um meine Gefühle auszudrücken. Wenn irgendjemand Zeit mit meiner Musik verbringt, Zeit in meine Geschichten und Empfindungen investiert, dann bin ich der glücklichste Mensch auf der Welt. Aber abgesehen davon geht es nur darum, unsere Rock'n'Roll-Shows zu spielen. Überall auf der Welt."

