Cristin Claas

Diese Musik in meiner Werbung "Das vergangene Jahr war für uns unheimlich reich an Bildern, wir waren fast permanent ‚on the road'." Mehr Publikum, gestiegenes Medieninteresse, über 60 Konzerte - das bedeutet eine neue Dimension. "Wir haben schon immer viel live gespielt. Aber nun hatten wir oft schon nach vier Konzerten das Gefühl, gerade eine Weltreise gemacht zu haben."

Gerade mal ein Jahr ist seit dem Sony BMG-Debüt mit In The Shadow of your Words nun vergangen. Bis dorthin war es ein stetiger Weg nach oben, Schritt für Schritt. Angefangen bei Christophs erstem, rein zufälligen Kontakt mit Cristins Stimme, die sich unwiderruflich in seinem Gehörgang festsetzt. Gemeinsam mit Stephan, der seit 2002 das Trio komplettiert, entstehen dann zwei Alben in Eigenregie. Stilistische Grenzen sind der Band von Beginn an fremd, virtuos verbinden sie Jazz und Songwriting, spielen mit Klassik- und Popelementen. Sie passen in keine der handelsüblichen Schubladen, ihrer eigenständigen, eigenwilligen und trotzdem eingängigen Musik geben sie deshalb auch einen eigenen Namen: Songpoesie. Das Einzugsgebiet wächst. Jeder, der Cristin Claas einmal hört, ist beim nächsten Konzert wieder im Publikum, meistens bringt er noch jemanden mit.
Die drei sind sehr umtriebige Musiker, jeder verfolgt noch weitere Projekte und Bands. Stephan veröffentlicht Kompositionen, Christoph schreibt Schauspielmusik, auch Jazzstudium und Dozententätigkeit kosten Zeit. Doch schnell und wie von allein verschiebt sich alle Aufmerksamkeit auf Cristin Claas. Mittlerweile ist man nahezu täglich gemeinsam unterwegs, die Band harmoniert perfekt, versteht sich blind. Es bleiben kaum Gedanken für anderes.

Eine Tourneepause bietet die Gelegenheit, sich in die Idylle eines abgeschiedenen Bauernhofes zurückzuziehen. Abstand gewinnen, die vielen Eindrücke ordnen und verarbeiten - aber nicht unbedingt Komponieren. "Kreativ sein klappt bei uns einfach nicht auf Knopfdruck. Neue Ideen entwickeln sich sehr intuitiv, aus einer Situation, einem Erlebnis oder auch einem Ort heraus." Cristin Claas-Songs entstehen überall. Und manchmal unglaublich schnell. Wenn ein inspirierter Moment da ist, wird er ausgenutzt - zur Not muss das Handy im Tourbus kurz das Aufnahmegerät ersetzen, um ihn einzufangen. An den nächsten zwei Abenden wird beim Soundcheck aus der Idee ein Song, am dritten Abend kommt dann schon der Testfall auf der Bühne: "Es ist immer spannend zu sehen, wie das Publikum reagiert. Das kann völlig unterschiedlich sein: Manche Songs funktionieren nur live, andere nur im Studio - oder auch nur in einer ganz speziellen Stimmung." Selbst wenn ein Stück die Live-Probe bestanden hat, beginnt der kreative Prozess bei der Aufnahme immer wieder von neuem.

Und das mit großer Experimentierfreude, auch in der Instrumentierung. Keiner klebt an seinem studierten Instrument, es erklingen Glockenspiele, Melodika, arabisch anmutende Darbuka-Trommeln oder ein türkisches Saiteninstrument, das ein anderer Musiker zuvor im Studio vergessen hatte. Auch Christophs Flügel muss als Perkussionsinstrument herhalten.
Die Songs rain pours down und lass mich sinken werden gemeinsam mit Anhaltischen Philharmonie eingespielt. "Unsere Songs für ein 60-köpfiges Orchester zu arrangieren, das war natürlich eine gewaltige Herausforderung. Aber auch ein unheimlicher Spaß - wann bekommt man schon die Gelegenheit, mit einem solchen Klangkörper zu arbeiten?" Cristin, Christoph und Stephan ergreifen alle Möglichkeiten, die interessant erscheinen. Und sie sind in der Lage, sie umzusetzen. Ganz individuell, auf die jeweilige Stimmung, den jeweiligen Song fokussiert.

Die kurze, intensive Zeit seit dem letzten Album hat etwas verändert. Sie sind selbstbewusster geworden. Im Sinne von: sich seiner eigenen Musik bewusster, den eigenen Ideen und Eingebungen vertrauend. "Als studierter Musiker musste immer alles technisch sauber sein - das war Mindestanspruch und Grundvoraussetzung, obwohl es unnötig Grenzen setzt. Jetzt darf auch mal ein Ton absichtlich nicht ganz sauber intoniert sein, wenn er so die Stimmung des Songs trifft. Da spielen Dinge eine Rolle, die man erlebt hat, Bilder, die sich im Kopf bewegen. Die wollen raus, zu Musik werden, und dabei nehmen sie nicht immer den geraden Weg."

Biographien - Musiker

Für Cristin Claas ist Singen lange etwas sehr Privates, selbst der Familienkreis ist bis weit in die Jugend hinein zu öffentlich. Dabei kommt sie aus einer musikalischen Familie: Der Vater ist auf verschiedenen Instrumenten versiert, der Großvater war gar Opernsänger. Die Entscheidung, Jazzgesang zu studieren, kommt mit Mitte 20 erst spät. "Das war gut so", sagt sie, "zu diesem Zeitpunkt wusste ich, was ich will." Von 2002 bis 2005 studiert sie in Weimar, seit 2005 in Leipzig. Cristin Claas konzentriert sich voll und ganz auf ihre eigene Musik. "Ich leiste mir den Luxus, nur mein eigenes Projekt zu verfolgen. Und das ist ein herrliches Leben."

Christoph Reuter wollte schon immer Pianist werden, seit er als Kind seinen Vater regelmäßig im Nebenzimmer spielen hörte. Einen der limitierten Plätze in der Musikschule bekommt er nur per Zufall, da eine Freundin seiner Schwester ausfällt. Jahre später an der Hochschule nehmen sie ihn sofort: Er studiert Jazzpiano in Leipzig und Berlin, 2007 macht er sein Konzertexamen bei Prof. Richie Beirach. Christoph Reuter ist umtriebig, spielt in verschiedenen Jazz-Projekten, schreibt für Theater, Film und Orchester. Der Schwerpunkt ist aber von vornherein Cristin Claas. "Cristins Stimme zu hören, das war wie ein musikalisches Erweckungserlebnis: Da war klar, was ich machen will."

In Stephan Bormanns Lebenslauf markiert die Gitarre einen wichtigen Wendepunkt. Eigentlich ist ein technisches Studium die Perspektive. Mit dieser Aussicht lernt er, noch in der DDR, Gießerei-Facharbeiter - die falsche Richtung: "Mein Musikstudium in Dresden war da der einzig mögliche Ausweg." Ein erfolgreicher: Er spielt mit eigenen Bands, als Sideman und in diversen Musicalproduktionen, veröffentlicht eigene Kompositionen im AMA Verlag und erhält Lehraufträge an den Hochschulen in Dresden, Magdeburg und Leipzig. Seit 2002 gehört seine Aufmerksamkeit Cristin Claas.