Ben Folds

Diese Musik in meiner Werbung Seit nunmehr fünfzehn Jahren fasziniert Ben Folds Fans und Fachwelt mit meisterhafter Melodiefertigkeit, launiger Lyrik und einer Punkrock-esken Instrumentenbehandlung, die mitunter eher an Vollkontakt-Sport denn an Klavierspiel erinnert. Drei Jahre nach seinem letzten offiziellen Studioalbum "Songs For Silverman" gönnt der aus North Carolina stammende Musiker seinen nibelungentreuen Anhängern nun endlich einmal wieder die Möglichkeit, vor Freude komplett auszuticken: Mit "Way To Normal" veröffentlicht der 42-jährige sein lang erwartetes drittes Solo-Album. Wie bereits seine vorhergegangenen Werke dominieren auch diesmal unwiderstehliche Hooklines und unerbittlich vehementes Klavierspiel das Dutzend neuer Songs in einer Art und Weise, wie man sie spätestens seit den Tagen seiner Multplatin-erfolgreichen Band Ben Folds Five kennen und lieben gelernt hat. "Way To Normal" ist eine überschwängliche, oftmals ungeschliffene und phasenweise profane Mischung aus offensichtlichen Crowd-Pleasern (wie "Hiroshima", "Bitch Went Nuts", "Dr. Yang"), aufgekratzten Klangorgien ("The Frown Song", "Brainwascht") und bewegende Balladen wie "Cologne" und "Kylie From Connecticut", die Folds Ende 2007 unter dem Eindruck seiner zwei Jahre andauernden Scheidung geschrieben hatte.
Doch auch wenn seine Songs oftmals vom Thema Scheidung handeln - "Way To Normal" ist keineswegs Folds' Version von Marvin Gayes "Here My Dear" oder Bob Dylans "Blood On The Tracks" (auch wenn Folds zu Beginn der Aufnahmen dem Album den Arbeitstitel "Blood On The Keyboard" gegeben hatte). "Die Songs haben kein übergeordnetes Thema", erklärt er, "ich wollte ganz bestimmt kein Album über das ‚D-Wort' machen. Ich habe mir mit meinem letzten Album einiges von der Seele geschrieben, das war vorsätzlich stoisch. Das neue Album handelt von mir und meiner Freiheit, und das ist der Grund, warum es von einer geläuterten und expressiven Grundstimmung durchwirkt ist. Ich bin auf dem Album wieder ich selbst." (deshalb auch der Albumtitel) "Ich kam aus dem Gerichtsgebäude, küsste den Boden und ging schnurstracks ins Studio. Es war so, als würde eine Champagnerflasche geöffnet, die zuvor achtzehn Monate geschüttelt worden war. Das ist der Grund, warum dieses Album so viel Energie hat."
Die heitere Stimmung könnte auch mit der Tatsache in Zusammenhang stehen, dass Folds die meisten Songs in vertrauter Umgebung in seinem eigenen Studio in der Nähe seines Wohnsitzes in Nashville, zusammen mit seinen Freunden und langjährigen Mitmusikern Jared Reynolds (Bass) und Sam Smith (Drums) aufnahm. "Wir hatten einfach viel Spaß", sagt Folds, "um genau zu sein: soviel Spaß hatte ich im Studio noch nie".
Folds führt uns persönlich durch einige der Highlights des Albums:
"Hiroshima" - "Bei einer Show in Japan fiel ich von der Bühne und stieß mir den Kopf", erklärt er. "Ich hatte eine Gehirnerschütterung und mein Schädel musste geröntgt werden. Ich wollte in dem Song eigentlich nur die Ereignisse wortwörtlich wiedergeben, dadurch kann sich ein surrealer Effekt ergeben. Der Song handelt im Prinzip von einem Fall öffentlichen Scheiterns, bzw. dem, was als solcher wahrgenommen wird. Für das Video zum Song könnte man all die berühmten Aufnahmen von wichtigen Menschen nehmen, die ihren schlimmsten Moment erleben - und die ganze Welt zuschaut."
"The Frown Song" - "Dieser Song handelt von den ‚Neuen Reichen', jenen bourgeoisen Arschlöchern, die vergessen, wie nah sie eigentlich daran sind, Erfüllungsgehilfen zu sein", erklärt Folds, dem natürlich klar ist, dass dies eines der bittereren Stück des Albums ist. (Der Text nimmt all jene Fake-New-Age-Typen aufs Korn, die sich darüber das Maul zerreißen, wer von ihren Freunde woh "den Guru f**t".) "Ich habe so viele von diesen Menschen in Wellness Centern, teuren Läden und Yoga Studios gesehen", sagt Folds, "Leute, die der Kellnerin kein Trinkgeld geben und Baristi auf die Nerven gehen, obwohl sie angeblich in völlig anderen spirituellen Sphären schweben."
"You Don't Know Me" (featuring Regina Spektor) - "Etwas, dass nicht oft in Popsongs bzw. im wirklichen Leben gesagt wird, ist, wie traurig es ist, dass man erhebliche Zeit mit jemandem verbringt und dann feststellen muss, dass man diese Person eigentlich überhaupt nicht kennt, weil man über die wichtigsten Dinge nicht spricht", erläutert Folds. "Das ist ein Versagen, das nicht viele Menschen gerne zugeben." Folds holte sich für den Song die Sängerin und Songwriterin Regina Spektor ins Studio. "Sie hauchte dem Song Leben ein", sagt er, "ich halte sie für eine der besten Sängerinnen, die es gibt. Sie ist verdammt talentiert."
"Cologne" - "Das ist gleichzeitig ein Liebes- und ein Schlussmach-Lied", sagt Folds, der derzeit glücklich verheiratet ist. "Der ‚4-3-2-1'-Refrain kommt von einem Pärchen am Telefon, dass das Gespräch nicht beenden will und dann irgendwann sagt: ‚Okay, wir müssen jetzt aber wirklich auflegen, wir machen einen Countdown und dann legen wir beide auf'." Das emotionale Herzstück des Albums enthält Motive, die Folds sehr wichtig waren, wie z.B. der Hinweis auf die Ex-Astronautin Lisa Nowak, die "sich eine Windel anzog, bevor sie sich auf eine 18-stündige Autofahrt zu ihrem Freund begab, um sie umzubringen", wie Folds es in dem Song besingt. "Das war genau das, was mir Kopf herumging, als ich das Lied schrieb, also ließ ich es drin. Man tut einem Song keinen Gefallen, wenn man zu unkonkret wird."
"Bitch Went Nuts" - "Zu allererst möchte ich darauf hinweisen, dass dies das erste Mal ist, dass ich persönlich das Wort ‚Bitch' in einem Song verwende", sagt Folds. "[Ex-Ben Folds Five Drummer] Darren Jessee schrieb die Zeile 'Give me my money back, you bitch' für das Stück 'Songs for the Dumped'. Später coverten wir noch 'Bitches Ain't Shit' von Dr. Der - und plötzlich war ich für alle Welt der ‚Bitch Guy'. Deshalb wollte ich den Song eigentlich auch nicht auf dem Album haben." Ein weiterer Grund, warum Folds das Lied aus dem Tracklisting verbannen wollte, war, dass er nicht wollte, dass jemand denken könne, seine Ex sei damit gemeint. "Der Song ist ganz bestimmt nicht über sie." Aber Produzent Dennis Herring überzeugte Folds, der den Text bereits achtmal geändert hatte, das Stück auf dem Album zu belassen - denn es sei das lustigste von allen. "Ich war ebenfalls der Meinung, also hielten wir daran fest", sagt Folds. "Aber niemand hat jemals einen ‚Basketball erstochen'. Das ist albern."
"Brainwascht" - "Sagen wir mal so: es ist an einen alten Freund gerichtet, der Partei ergriffen hatte und einen Song darüber schrieb. ‚Brainwascht' handelt in gewisser Art und Weise von Heuchelei", sagt Folds. (Die Zeile: "You might reflect upon your own arrangement in '94 getting blown in your basement … while your wife slept" sagt eigentlich alles.) "Der Song, auf den ich damit antworte, war extrem parteiisch. Eigentlich bin ich der Meinung, dass ‚Song Wars' ziemlich cheesy sind, deshalb schlage ich in der Bridge vor, die Sache per Tanzwettstreit auszutragen."
Einige Dinge auf "Way To Normal" funktionieren wie Widerhaken: die unglaubliche musikalische Virtuosität, die fröhlichen Melodien, der urkomische Humor und Folds herzzerreißender Tenor. (Es ist wirklich erstaunlich, was macht sich alles erlauben kann, wenn man schön singt.) "Wir wollten, dass die Platte durchweg ein Lächeln im Herzen trägt", sagt Folds. Der Job, dies zu gewährleisten, fiel Produzent Herring (Elvis Costello, Modest Mouse, The Hives etc.) zu. Darüber hinaus war es seine Aufgabe, den ermatteten Folds anzutreiben, nicht stehen zu bleiben, sondern weiter zu arbeiten.
"Die voran gegangenen 18 Monate hatten mich völlig ausgelaugt", erklärt Folds. "Ich brauchte also nicht nur jemanden, der mehr davon versteht, wie man ein Album macht als ich - was Dennis zweifellos tut - sondern auch jemanden, der mir einen Tritt in den Hintern verpasst. Früher lief es immer so ab: Wir spielten zwei Stunden und dann beschloss ich, dass wir alle Kaffee holen gehen, dann kamen wir zurück, saßen rum und schauten YouTube. Es war erbärmlich. Dann kam dieser Typ daher und trieb mich zur Arbeit. Er ließ es nicht zu, dass auch nur eine Idee ungenutzt vergammelt, er war einzig und alleine daran interessiert, dass sie umgesetzt werden."
Aber es waren nicht nur die Rechtstreitigkeiten, die Folds zermürbten. Der Vater von achtjährigen Zwillingen hatte praktisch seit der Veröffentlichung seines Debüt-Soloalbums "Rock' The Suburbs", das sich weltweit mehr als eine halbe Million Mal verkaufte, keine Pause gemacht. In kurzer Abfolge hatte Folds ein Live Album ("Ben Folds Live", 2002) und zwischen 2003 und 2004 eine Reihe von Digital-EPs veröffentlicht, die nur im Internet erhältlich waren: "Speed Graphic" (erreichte die Spitze der Billboard Internet Album-, iTunes-, and Soundscan Downloadable Tracks-Charts), "Sunny 16" und "Super D"; 2004 co-komponierte und produzierte er William Shatners Solo-Album "Has Been"; 2005 veröffentlichte das Album "Songs For Silverman" (das u.a. die Hitsingle "Landed" enthielt); 2006 steuerte drei neue Songs zum Soundtrack des Films "Over The Hedge" (deutscher Titel: "Ab durch die Hecke") bei und jüngst produzierte er das Solo-Album der Dresden-Dolls-Frontfrau Amanda Palmer.
Ebenfalls 2006 veröffentlichte er "Supersunnyspeedgraphic, The LP", eine Compilation mit den Songs der Internet-Only-EPs und einigen B-Seiten, darunter die bereits erwähnte Version des Dr.-Dre-Songs "Bitches Ain't Shit", das bis auf Platz 71 der Billboard Hot 100 kletterte und bis sich dato mehr als 132.000 Mal bei iTunes verkaufte. "Das mein größter Hit", scherzt er.
Folds unternahm zahlreiche Tourneen, darunter eine Konzertreise mit The Bens, einer "Supergroup", die er zusammen mit den befreundeten Singer-Songwritern Ben Kweller und Ben Lee 2003 gegründet hatte. 2004 tourte er mit Rufus Wainwright und Guster, 2007 mit John Mayer. Als klassisch ausgebildeter Percussionist trat Folds auch mit mehreren Orchestern auf, darunter West Australian Symphony, Baltimore Symphony (2005) und Boston Pops (2007). Im September 2008 spielt er mit Nashville Symphony zu deren Saisoneröffnung der Spielzeit 2008/2009.
Im Mai 2008 begann Folds damit, Stücke von "Way To Normal" seinen Fans im Rahmen diverser Festivals vorzustellen, darunter das legendäre Glastonbury Festival in England und das jährliche Bonnaroo Music & Arts Festival in Tennessee. Sein elektrisierender Auftritt bei letzterem veranlasste einen Kritiker zu dem Statement: "Folds Auftritt war Popmusik in seiner befriedigendsten Form".
"Die Songs wurden vom Publikum großartig aufgenommen", sagt Folds. "Ich freue mich sehr darauf, ein neues Album rauszubringen, denn das letzte ist schon eine Weile her. In der jetzigen Phase fühle ich mich sehr befreit und ich genieße das sehr."

PS: Am 18. September 2008 gab Ben Folds ein One-Off-Konzert mit seiner alten Band: In der UNC Memorial Hall in Chapel Hill, der Heimatstadt der Band, spielte er zusammen mit Robert Sledge (Bass), Darren Jessee (Schlagzeug und Backing Vocals) als Ben Folds Five das letzte Album der Band "The Unauthorized Biography of Reinhold Messner" auf Einladung von MySpace. Der Auftritt fand in der Reihe "Front To Back" statt. Es war der erste Ben Folds Five Auftritt seit fast zehn Jahren. Die Einnahmen des Konzerts kamen der "Operation Smile: Changing Lives One Smile at a Time" zu Gute.